Mit dem Zug nach Prag … Teil 2

Wir hatten die Grenze passiert und die Landschaft nahm eigentümliche Konturen an. Die Berge am Horizont beugten sich nach unten und verdunkelten die Täler an ihren Füßen. Ich schloss die Augen und öffnete sie erst kurz vor Prag wieder. Kurz bevor das eiserne Ungetüm stoppen sollte, erschien der Zugbegleiter nochmal an der Tür meines Abteils. Sein Gesicht hatte sich verändert. Es war viel blasser als zuvor und seine Augen schimmerten in einer Farbe, die mir das Blut gefrieren ließ. Er kam jedoch nicht herein, sondern blieb vor der verschlossenen Tür stehen und schaute mich nur an. Sein Mund war zu einer schmalen Linie verzogen und zeigte keine Farbe von Rot. Erst in diesem Moment viel mir auf, dass er seine Hand an die Scheibe gelegt hatte und ich auf seiner Innenfläche ein Zeichen erkannte. Es war schwarz, leicht geschwungen und zeigte auf der rechten Seite wie eine Pfeilspitze nach oben. Ich starrte sie an und war wie hypnotisiert. Mein Körper war starr und lediglich mein Atmen bewirkte, dass sich meine Brust hob und senkte. „Next Stop Praha!“, ertönte es über meinen Kopf, doch ich regte mich nicht. Alles schien unwichtig. „Next Stop Praha!“, wiederholte die blecherne Stimme in den Lautsprechern. In diesem Moment löste sich der Zugbegleiter aus seiner Erstarrung, seine Augen wurden klar und erschienen auf einmal von einem satten Grün. Er schüttelte leicht den Kopf, blickte mich an und stutzte. Ich blickte zurück, langsam bewegte auch ich mich wieder, konnte aber meine Verwirrung zunächst nicht in Worte fassen. Er zog die Tür auf, nickte mir freundlich zu und sagte in gebrochenem Deutsch: „Ich wünsche ihnen eine schöne Zeit in Praha. Genießen sie die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten.“ Ich erhob mich, während ich ihn anstarrte und nahm meine Tasche. „Was war das gerade?“, fragte ich immer noch verunsichert. „Was meinen Sie?“ „Das Zeichen auf ihrer Hand, ihr Blick, ihre Haut?“ „Ich weiß nicht was sie meinen?“, sagte er und zeigte mir zum Beweis seine Hände. Beide waren sie leer. Nichts war darauf zu erkennen, noch nicht einmal ein Kleks verwischte Farbe. Er schaute mich an und drehte sich dann von mir weg. Bevor ich reagieren konnte, stürmten bereits neue Passagiere in den Zug. Jetzt überlegte ich, ob ich wirklich dieses Eisenmonster verlassen sollte. Ohne weiter darüber nachzudenken, ergriff ich meine Tasche und ging zum Ausstieg. Ich trat die drei Stufen hinunter und setzte meine Füße nebeneinander auf dem Bahnsteig ab. Als ich mich umdrehte, schloss sich die Tür hinter mir. Ich hörte ein Pfeifen und blickte an den Anfang des Zuges. Eine Schaffnerin erhob ihre Kelle und Dampf stieg zwischen den Rädern des Zuges empor. Dann setzte sich das Ungetüm in Bewegung. Ich schaute ihm nach und sah in der letzten Fensterscheibe noch einmal die angsteinflößenden Augen aufblitzen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s