Mit dem Zug nach Prag … Teil 3

– Für Laura –

Ich hatte den Zug noch in meinen Ohren und erinnerte mich, wie es sich anfühlte in ihm zu sitzen. Auf der Reise zu sein mit einem komischen Gefühl zwischen Magen und Kehle. Ich freute mich schon auf die Rückfahrt und spürte, wie es sein musste im Zug zurück nach Deutschland zu sitzen. Prag war jedoch für mich und andere Passagiere vorerst die Endstation. Der Punkt an dem wir uns entscheiden mussten. Entweder fürs Aussteigen und Bleiben oder für eine Rückfahrt ohne große Geschichte. Ich blieb. Zu lange hatte es gedauert um hier anzukommen. Zu oft stand ich in Berlin am Gleis und hatte überlegt, ob ich diese Fahrt machen sollte. Und auch wenn der Mann wie eine Warnung in meinem Kopf schwirrte, wollte ich nicht den Weg verlassen, den ich eingeschlagen hatte. Für den ich solange gebraucht hatte.

Ich griff meinen Koffer und Hunger machte sich im selben Moment in mir breit. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal etwas gegessen hatte. Als ich darüber nachdachte, krampfte mein Magen so stark, dass ich kurz inne halten musste und tief einatmete. Ich sah mich um, doch nichts war zu finden, was mir gefiel. Also machte ich mich auf den Weg den Bahnhof zu verlassen. Menschen strömten dabei an mir vorbei, der eine oder andere schubste mich. Sie eilten zu den Zügen oder kamen gerade an und schauten hektisch auf ihre Uhren. Es herrschte Unruhe, die mir nicht gefiel. Ich wollte hier weg. Also legte ich einen Schritt zu und es dauerte nicht lange bis ich frische Luft und etwas Grün erreichte. Mein Blick schweifte durch die Gegend. Etwas entfernt sah ich einen kleinen Laden mit drei Tischen davor. Lediglich eine Frau mit großem Schlapphut und einer Tasse Kaffee war als Gast auszumachen. Sie blätterte in einem Buch, doch schien sie es nicht wirklich zu lesen. Als ich das Lokal ansteuerte, blickte sie kurz auf. Ihre Augen waren jedoch verdeckt von einer fliegenartigen Brille. Ich musste an meine Mutter denken, die eine ähnliche getragen hatte, als ich noch klein war. Ich setzte mich an einen Tisch neben sie und nickte ihr freundlich zu. Ich konnte sehen, wie sich eine Augenbraue hinter der Brille hob. Dann wand sie sich ab und blätterte auf fast andächtige Weise in ihrem Buch. Ihre Haare waren lang und von einem intensiven Rot, wie ich es vorher nur bei Iren oder Skandinaviern gesehen hatte. Sie wellten sich und quollen unter ihrem Hut hervor. Sie wirkten fast wie ein Mantel, der sie bedeckte. Bevor ich mich weiter auf sie konzentrieren konnte, stand eine dickliche, etwas herunter gekommene Frau neben mir und schnaufte mich ungeduldig an. Sie hielt eine Karte in den Händen. Ihre Haare waren zu einem wirren Knoten gebunden und einzelnen Strähnen vielen ihr ins Gesicht.

„Du bist deutsch oder?“, fragte sie und ihr abfälliger Ton zog sich wie kleine Eisenstachel über meinen Rücken. Ich nickte nur. „Das sieht man sofort. Was willst du?“ Ich blickte kurz in die Karte und entschied mich für ein Brot mit Ei und einen Kaffee. Ich bemerkte wie mich die Frau mit Hut anstarrte. Diesmal ohne Brille. Ihre Augen waren von einem durchdringenden Grau und sie musterte mich. Sie bewegte ihren Blick von meinen Schuhen bis hoch zu meinem Gesicht, an dem sie dann hängen blieb und mir in die Augen schaute. Alles um mich herum wurde leicht verschwommen und ich nahm nur noch sie wahr. Sie öffnete den Mund und vergammelte Zähne wie Stümpfe erschienen in diesem sonst so makellosen Gesicht. Doch dieses Unheil war nicht mehr zu erkennen, als ihr ein Klang entfuhr, der durch die Luft in meine Richtung getragen wurde. Wie ein leises Flüstern, dass mich einlullte. Ich sah wie ihre Augen ganz sanft und groß wurden, wir ihre Haut leicht glühte und sie ihren Arm nach mir ausstreckte, kurz bevor sie mich mit ihrem Gesang, sofern man es so deuten konnte, in einen angenehmen Schlaf zu betten schien.

 

 

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