Ein Karikaturist und seine unförmigen Werke

Ivan Prado lebt seit mittlerweile 15 Jahren in Rostock. Sein Weg hat ihn damals aus Peru – ohne Sprach-, Landes- und Mentalitätskenntnisse – zu seinem neuem Lebensmittelpunkt geführt. Heute ist Rostock seine Heimat, doch Karikaturen zeichnet er nach wie vor für die Welt.

– Von Antje Benda –

Wenn man durch die Straßen von Rostock läuft, sieht man das ein oder andere kreativ gestaltete Haus. Sei es das Molotov in der Waldemarstraße oder das Cafe Liebreiz am Doberaner Platz. Die Häuser weisen ihre ganz eigene Note auf und zeigen die individuelle Gestaltungsfreiheit eines Künstlers. Gegenüber vom Volkstheater steht in der Doberaner Straße ein Gebäude mit einer gelben Fassade, verziert mit türkisfarbenen Wellen an der Wurzel des Hauses. Der Künstler hinter der Wand oder besser der Malerei ist Ivan Prado.

Ivan Prado - Foto: Antje Benda

Ein Karikaturist aus Peru, der die Umkleidung noch mit Pinsel, Schweiß und Ausdauer bemalte – statt wie heute manch anderer mit Sprayfarben, schnell und mit weniger Aufwand. Welche Art der Gestaltung die Bessere und Aussagekräftigere ist, sei jedem frei denkenden Menschen selbst überlassen. Er war damals jung, hatte falsch kalkuliert und würde es heute anders machen. Am Ende hat es für ihn jedoch denselben Effekt: ein Bild, das Emotionen in den Menschen hervorrufen soll und sie hoffentlich erfreuen wird. Damals malte er viel in privaten Häusern und zeichnete live auf Messen, Jubiläums- und Firmenfeiern. Ivan entschied sich mit den Jahren zwar nicht gegen den Pinsel, aber für einen neuen und somit weiteren Kanal seiner Kreativität. Die Wandmalerei war nie seine Hauptaufgabe, sondern – dass wird jeder schnell merken – die Karikatur. Ob in Öl, Acryl oder Pastell, ob auf Leinwand oder auf dem Computer: Die Kreativität eines Ivan Prados fand, findet und wird wohl auch nie ein Ende finden.

Prados Motive sind meist Personen des öffentlichen Lebens oder historische Charaktere wie John Lennon. - Foto: Antje Benda

Bereits im zarten Alter von neun Jahren hatte der Künstler Menschen und Tiere in anderen Proportionen, als den uns bekannten gezeichnet. Nicht weil seine Wahrnehmung getrübt war, sondern weil er die daraus resultierende Aufmerksamkeit seiner Freunde und Mitschüler wecken konnte und wohl auch wollte. Obwohl er ein Studium der Biologie bestritt, sollte er letztlich durch sein inneres Bestreben seinen Platz bei der Zeitung „Arequipa al dia“ als Karikaturist für politische Themen finden. Da die Zeitung die politische Ausrichtung der Stadt nicht unterstützte, fehlten bald die Gelder für Honorare der Angestellten und Ivan musste sich nach Drohung und Verfolgung für einen neuen Lebensweg entscheiden. Er wanderte nach Rostock aus, wo bereits sein Bruder lebte, und begann praktisch wieder bei null. Schnell musste er entdecken, dass es nicht einfach war in Rostock Fuß zu fassen. Ein neues Land, eine neue Sprache und eine neue Mentalität. Ein hartes Pflaster, auf welches er sich in den 90er Jahren begab, um einen neuen Weg zu finden.

Eine Karikatur von Prado zeigt Rembrandt. Foto: Antje Benda

Mit Live-Malerei auf der Promenade von Warnemünde verdiente er sein erstes Geld in Deutschland und konnte zu Zeiten der Hansesail auch mal mit 1.700 Euro in vier Tagen nach Hause gehen. Der zeitliche Druck und die Fließbandarbeit waren ihm jedoch eine gute Schule und gaben ihm mehr als jede Ausbildung. Heute besitzt er sein eigenes kleines Atelier in Marienehe. Dort zeichnet er zwar nur noch selten an seinen Karikaturen, aber wenn, dann mit Herz und Leidenschaft. Seine Motive sind meist Personen des öffentlichen Lebens oder historische Charaktere, welchen er immer in gewisser Form zugeneigt ist. Der Weg zu dieser Gelassenheit war weniger als einfach, nicht zuletzt aufgrund der nordischen ‚Muffligkeit‘, die er nur schwer zu knacken wusste. Ivan beschreibt seine Beziehung zu Rostock als eine Art „Hass-Liebe“. Er kann nicht mehr ohne uns, auch wenn man den Rostocker Muschelschuppser nur schwer lieben darf.

Durch eine Fortbildung im Jahre 2002 am Institut für neue Medien lernte er, wie man am Computer zeichnet und erschloss so ein neues Feld für sich, das ihm heute sein Leben finanziert. Er braucht meist nicht mehr als etwas Strom und das entsprechende technische Equipment, um eine Karikatur zu erstellen. Nun malt er eine Nase übermäßig groß oder eine Frau übermäßig dick und mit voluminösen Brüsten einfach mit einem elektronischen Zeichengerät. Stark diskutieren könnte man an dieser Stelle, inwieweit dann noch ein Kunstdruck von ihm als Original zu bezeichnen ist und welchen Wert dieser besitzt. Eine Gretchenfrage, welche ich den Kunstkritikern dieser Welt überlassen möchte. Letztlich sprechen die Auszeichnungen für sich. 2013 bekam Ivan Prado den ersten Preis im Bereich Karikatur auf dem „Cartoon World Festival“ in Porto (Portugal) und dieses Jahr den dritten Platz auf dem „Dieter Burkamp World Award for Caricature“. Wer Glück hat, besitzt noch einen „Ivan Prado“ aus seinen Warnemünder Zeiten und wer noch mehr Glück hat, trifft den Cartoon World Festivaletten Peruaner mal irgendwo in Rostock. Schnattert etwas mit ihm und lässt sich dann zeichnen.

Auch interessant: Ein Porträt von Frank Schlößer und Kai Küken über Ivan Prado (produziert für MV1)

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