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Annika Walter: KI trifft auf Yoga

Annika Walter ist in Rostock geboren und aufgewachsen. Die Meisten kennen sie wohl noch als Turmspringerin mit Olympiamedaille. Sie hatte mehrere Angebote Rostock zu verlassen, doch sie ist geblieben. Die Stadt ist für sie durch die Universität Rostock liberal genug und zudem ihr Zuhause. Um vom Alltag mit eigenem Yogastudio in Reutershagen und Künstlicher Intelligenz abzuschalten, lässt sie ihren Schrebergarten wild wachsen oder macht sich ab und an auf den Weg nach Warnemünde, um ab Höhe Gespensterwald den Strand zu genießen. 

Wasser ist eine durchsichtige Flüssigkeit, die weitgehend farblos ist. Das kann man von der ehemaligen Turmspringerin Annika Walter nicht sagen, deren Element jahrelang das Wasser war. Die gebürtige Rostockerin hatte 1996 bei den Olympischen Spielen in Atlanta die Silbermedaille beim Sprung vom 10 Meter Turm geholt. Die Zeiten ihrer Springerkarriere sind bereits seit 2001 vorbei. Damals besiegelte sie ihr Profidasein mit einem 4. Platz in Perth bei den Olympischen Spielen und mit einem 7. Platz bei der Europameisterschaft in Japan. Also ein Ende mit Sternchen und einem Klopfen auf die Schulter. Wie ging es weiter? Annika trieb ihr Unwesen in Rostock und eröffnete 2001 das Café Kiwi Am Wendländischen Schilde. „Eigentlich wollte ich keine Kneipe aufmachen. Ich war damals mit jemanden zusammen, über den das kam. Ich hatte ja auch schon meinen Ausstieg beim Sport geplant und bin dann dort irgendwie hängen geblieben. Das Kiwi lief bis 2009, dann wurde ich schwanger. Kind und Kneipe geht einfach nicht. Ich hatte zu 85 Prozent damals Stammpublikum, dadurch habe ich einen guten Einblick in das Leben der Menschen bekommen. Es waren gute Gespräche. Wenn ich zurück blicke, vermisse ich es überhaupt nicht. Ich bin ein Jetzt-Mensch und schaue nicht nostalgisch zurück. Jetzt mache ich auch ziemlich coole Sachen.“

Aktuell hat Annika zwei Standbeine. Eines davon ist ihr Leben als Yogalehrerin in ihrem Studio in Reutershagen. Dort bietet sie einen Übungsmix an, der inspiriert wurde durch Wasserspringen, Yoga, Pilates und klassischen Fitnessmoves. „Ich habe ein eigenes Konzept für mich und meine Teilnehmer entwickelt, das gut an den Lebensrhythmus der Menschen in Deutschland angepasst ist. Was ich damals als Wasserspringerin nicht wusste, ist, dass ich schon immer Yoga gemacht habe. Im Yoga hast du nur ein anderes Bewusstsein für die Übungen und deinen Körper. Als ich aufgehört habe Leistungssport zu betreiben, habe ich überlegt, was ich machen kann, ohne komplett ‚unfit‘ durchs Leben zu gehen und bin am Ende beim Kravayoga gelandet. Aktuell bin ich gut ausgelastet. Die Erfahrung zeigt mir, dass den Frauen häufig ihre Männer folgen. Vor allem die, die sich zuvor tot gelacht haben, merken schnell, dass der Sport sehr abwechslungsreich ist, sie neu fordert und sie beweglicher werden. Ich habe als Kursteilnehmer unter anderem einen Triathleten, einen ehemaligen Ruderer und Kampfsportler, die begeistert sind.“

Seit 12 Jahren ist Annika mit ihrem Mann verheiratet, der schon vor geraumer Zeit nach Rostock kam. Damals wollte er in Rostock studieren und heute arbeitet er gemeinsam mit seiner Frau in dem Unternehmen SomTxt. Womit wir beim zweiten Standbein angekommen wären. „ Ich bin Teilhaberin der Firma und kümmere mich um die Konzeption. Insgesamt sind wir ein Team von sechs Personen und beschäftigen uns mit Künstlicher Intelligenz kurz KI. Das heißt, wir haben ein Programm entwickelt, das qualitative Textanalyse durchführt und eigenständig weiterlernt. Es sind also Algorithmen, die alle mögliche Dokumente und Texte nach Stichworten durchsuchen. Das besondere ist, dass diese Algorithmen Zusammenhänge erkennen, die wir Menschen gar nicht sehen. Wir wollen zu dem ganzen Thema auch demnächst einen Podcast entwickeln, der sich ganz allgemein mit Netzwerken beschäftigt. Schließlich ist das Ganze ein großes Thema, auch in der Politik. Häufig wird sich dort die Frage gestellt, ob die KI irgendwann die Weltherrschaft übernehmen wird. Und diese Ängste wollen wir durch den Podcast nehmen. Es ist sehr spannend wie künstliche neuronale Netze funktionieren. Nach der Textanalyse soll es bei uns einen Schritt weiter gehen. Wir wollen jetzt auch die Bildbearbeitung mit einbeziehen.“ Die KI von SomTxt beschränkt sich auf bestimmte Bereiche. Somit haben wir eine Entwicklung, wie sie zum Beispiel in dem Film I Robot beschrieben wird, zunächst nicht zu erwarten. Spannend ist natürlich auch wie man vom Turmspringen und Yoga zu künstlichen Intelligenzen kommt. „Ich habe damals studiert und das was mich irgendwann gestört hat, waren die fehlenden Ergebnisse. Ich studierte Englisch, Geschichte und Demographie und habe es nicht beendet, genau aus diesem Grund. Was Lernen angeht bin ich sehr ergebnisorientiert. Wenn ich so überlege, habe ich deswegen diese Hingabe zur neuronalen Netzen. Die spucken alle Nase lang etwas aus.“

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65. internationale Springertage: Einstieg in die Saison der Wasserspringer

Ihre Haut ist trocken und riecht nach Chlor. Ein Blick auf die Armbanduhr verrät, dass das Training schon länger vorbei ist und sie noch immer an ihrem ersten Bier hängen und darüber diskutieren, was einen guten Wettkampf für Turmspringer ausmacht. So oder ähnlich könnte es gewesen sein, als Max Kinast und Heinz Kitzig in der damaligen Gaststätte der Neptun-Schwimmhalle ihr Feierabendbier tranken und die gedankliche Geburt des internationalen Springertages stattfand. Am 1. Dezember 1956 sollte dann die erste Auflage unter ihrer Regie erfolgen. Im Jahr 2020 feiert die Veranstaltung nun vom 20. bis 23. Februar ihren 65. Geburtstag. Somit ein guter Grund die Korken knallen zu lassen und einen Blick vor und zurück zu werfen.

Die Halle ruht und wartet auf das Eintauchen des angespannten Körpers, der filigran nach zwei Hüpfern auf dem Brett in Anspannung verfallen ist und regungslos Richtung Wasser fällt. Nichts was ihn außer Ruhe bringt, erst der Platscher erlöst das Publikum und Applaus brandet auf. Familie und Freunde sind außer sich: Was für ein Sprung. Solche Momente und die dadurch ausgelösten Gefühle werden ab dem 20. Februar in der Neptun-Schwimmhalle ausreichend wahrzunehmen sein. Die 65. Springertage stehen auf dem Programm und begrüßen mehr als 100 internationale Wassersportler in Rostock. Sie sind der Gradmesser für die internationalen Wasserspringer und finden immer im Anschluss an die Weltmeisterschaften statt. In diesem Jahr haben sich zum ersten Mal auch der Iran und Jamaika angemeldet, wodurch die bunte Familie der Wasserspringer nochmal Zuwachs bekommt. Antreten werden Frauen und Männer – allein oder im Team – im Turm- und Kunstspringen. Wer letztlich genau auf der Liste der Teilnehmenden steht, entscheidet sich auf den nationalen Vorentscheidungen und in Deutschland auf der Weltmeisterschaft im Turmspringen. Großes Ziel ist es für die Sportler*innen in diesem Jahr eine Qualifizierung für den Weltcup in Tokio zu erhalten und damit eventuell einen der begehrten Plätze für die Olympischen Sommerspiele 2020. Gesetz für Deutschland sind bereits Patrick Hausding (Kunstspringen 3 Meter) aus Berlin und Tina Punzel (Kunstspringen 3 Meter) aus Dresden. Deutschland zählt zudem zu den führenden Nationen im Wasserspringen und Rostock hat im Speziellen als Olympiastützpunkt eine entsprechende Verantwortung dem Sport gegenüber. Somit haben die Springertage für den Leistungssport eine tragende Rolle.

Zu verdanken haben sie diesen internationalen Erfolg wohl auch dem Umstand, dass die Springer der Wendezeit sich dafür engagiert haben, dass das Ereignis in unserer Hansestadt am Leben gehalten wurde. Am 9. Oktober 1990 wurde der Verein der Wasserspringer neu gegründet und blieb durch die Erweiterung um den FINA Diving Grand Prix ein internationaler Messgrad für die Elite unter den Springern.

Der Austragungsort: Die Neptun-Schwimmhalle

Damit die vier Tage in diesem Jahr wieder reibungslos ablaufen, setzt Andreas Kriehn (Chef des Organisationsteams) alles daran, dass in der Neptun-Schwimmhalle die Bahnen auch richtig ausgerichtet sind. Er wie alle anderen Helfer wirken ehrenamtlich an diesen Tagen und im Vorfeld mit. Hinzu kommen die zahlreichen Unterstützer wie unter anderem die Hansestadt Rostock, die Stadtwerke Rostock und das Landesmarketing MV. Sie alle geben dem Tag den besonderen Schliff. „Es sind die Eltern von Springern oder ehemalige Springer selbst, die uns ehrenamtlich helfen. Der Zusammenhalt wächst unter anderem auch dadurch, dass ein Ehrenamtler seinen Platz nicht einfach aufgeben kann, sondern er muss einen geeigneten Nachfolger finden. Das heißt: Bei uns fängt man nicht einfach so an und genau das stärkt den Zusammenhalt. Das Team, das mithilft, funktioniert wie ein Uhrwerk und das motiviert mich jedes Jahr wieder“, erzählt Andreas Kriehn. Er selbst ist kein Wassersportler, aber durch seine Frau Kerstin, die ehemalige Olympiateilnehmerin in den Jahre 1976 und 1980 im Wasserspringen, zum Wasserspringer Club Rostock e.V. gekommen. Begonnen hat er als Mannschaftsbetreuer. Seit 2002 (47. Springertage) organisiert er unter anderem auch die Springertage in Rostock. „Ich sehe die kommenden Wettkämpfe auch als Chance für unseren Nachwuchs. Die Kinder sehen den Profis fasziniert zu und haben dann vielleicht den Traum selbst zu ihnen zu gehören. Mit unserer tollen Halle gibt es auch die Möglichkeit wirklich an die Spitze zu kommen.“ Die Neptun-Schwimmhalle wurde zu den Europameisterschaften 2013 und 2015 im Wasserspringen saniert, wodurch sehr gute Trainigs- und Wettkampfbedingungen herrschen. Ideale Voraussetzungen für die aktuell 150 Nachwuchssportler, die somit in Rostock an einem Bundesstützpunkt im Turm- und Kunstspringen trainieren dürfen.

Die Sportler: Falk Hoffmann gewinnt 13 Mal

Der Olympiasieger Falk Hoffmann gehörte bereits zu den Profis und trainiert heute vertretungsweise die Springer in Rostock. Der gebürtige Chemnitzer kam 2013 in unsere Hansestadt, um am Olympiastützpunkt für vier Jahre als Trainer tätig zu werden. „ Ich war damals lange nicht mehr professionell unterwegs gewesen und so war es eine schöne Herausforderung. Ich verbinde eine Menge mit Rostock. Ich habe viele Male an den Springertagen teilgenommen und sie auch 13 Mal gewonnen.“ Nachdem Hoffmann 2017 sein Amt niederlegte und in Rente ging, blieb er an der Ostsee und unterstützt bis heute die Wasserspringer als Mitglied des Springrats MV und Vorstand der internationalen Springertage. „Bevor ich nach Rostock gekommen bin, habe ich freiberuflich für Sportfirmen gearbeitet und Vereine ausgerüstet. Die Kontakte von damals nutze ich heute für die Springertage und kümmere mich unter anderem um die Ausrüstung.“ Besonders wichtig ist dem ehemaligen Leistungssportler, der 1980 Gold in Atlanta holte, das Treffen der Ehemaligen. „Am Sonnabend findet im IntercityHotel Rostock zum zweiten Mal ein Treffen für ehemalige Springer und Trainer statt. Zum 60. Geburtstag waren bei dem ersten Zusammenkommen 180 Personen anwesend. Zu dem Ehemaligen-Treffen erwarten wir natürlich auch die Sportler diesen Jahres und unseren neuen Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen.“

Neben dem Event im Hotel wird es noch ein spannendes Rahmenprogramm während der Wettkämpfe geben. So werden auch in diesem Jahr die „Lustigen Springer“ mit doppeltem Salto und einfachem Fahrrad in Wasser springen. Was für das ungeschulte Auge einfach aussieht, erfordert jedoch hohe Konzentration und ist mit genauso viel Applaus zu belohnen wie ein viereinhalb Salto vom 10 Meter Turm. „ Ich freue mich jedes Jahr auf den Springertag. Die Sportler haben die Chance gegen Weltmeister anzutreten und ihren Heimvorteil zu nutzen. Heutzutage haben die Springer zudem noch viel mehr Möglichkeiten, ihr Können zu zeigen. Als ich noch aktiv war, durften wir nur Sprünge in Wettkämpfen zeigen, die in einer Tabelle standen. Ich erinnere mich an die Springertage 1976, da hat Philip Boggs (Olympiagold 1976) in der Pause einen viereinhalb Salto vorwärts vom 10 Meter Turm gemacht. Heute kein Problem, aber damals einfach undenkbar. Oder Carlos Girón (Olympiasilber 1980), ein mexikanischer Turmspringer, der vom 3 Meter Turm einen eineinhalb Salto vorwärts mit vier Schrauben machte. Das wäre damals in einen Wettkampf ohne vorherige Abstimmung nicht möglich gewesen“, erinnert sich Falk Hoffmann. Zeiten ändern sich, aber der Internationale Springertag bleibt erhalten und das als eine der langjährigsten Veranstaltungen im Wasserspringen.

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Don Bosi mit höchster Priorität: Prio Null

Don Bosi war mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen auf Weltreise. Mitgebracht hat er neben vielen prägenden Erfahrungen seinen Longplayer „Prio Null“, der unter anderen davon erzählt, dass er sich und seine Familie nochmal ganz anders kennengelernt hat. Veröffentlicht am 15. November 2019 wirft der Rapper Don Bosi mit frisch gepresster Vinyl und Pullovern von ONELOVE um sich.

Sein Sound ist deutscher Hip Hop, ist Old School, ist Seele. Don Bosi ist ein Rapper aus Neubrandenburg, der mit 32 Jahren den Sprung an die größere Öffentlichkeit wagt. Schon seit seinem zwölften Lebensjahr macht Bosi – wie ihn seine Freunde nennen – Musik. Angefangen mit dem Programm Fruity Loops hat er schon früh seine eigenen Beats gebaut. Damals noch keine Ahnung von irgendwas hat er sich zu einem Solokünstler gemausert, der heute seine alten Sachen am liebsten unter den Teppich kehren würde. „Ich habe damals mehr Beats gebaut als ganze Songs geschrieben. Als ich dann in Berlin Wirtschaftsinformatik studiert habe, traf ich auf Lizard und wir haben das Projekt Daily Biz gestartet. Er kam aus Rathenow in Brandenburg und ich aus Neubrandenburg in MV. Wir kamen beide aus Solo-Projekten. Wir haben dann während des Studiums das komplette Album ‚Out of Office‘ produziert. Nach Daily Biz hätte ich gleich weiter machen sollen. Familie und Job kamen dazwischen, was ich nicht bereue. Ich werde auch kein Vollzeitmusiker, aber vom Schreiben bin ich jetzt auf einem Level, dass ich es mit dem Album ‚Prio Null‘ nach draußen geben möchte.“

Mittlerweile lebt Don Bosi in Rostock. Lizard und ihn trennen nicht nur der Ort, sondern auch eine achtmonatige Weltreise durch Neuseeland, Bali, Malaysia und Thailand und die gegründeten Familien. Trotz allem hat Lizard an den Titeln „Zahnrad“ und „Sicht“ auf „Prio Null“ mitgearbeitet. Der Song „Zahnrad“ erzählt zum Beispiel von der Nichtigkeit des Menschen im großen Ganzen. „ Wenn man sich die Welt anschaut, fühlt man sich wie eine Ameise. Da wird man überflutet von Geschichten wie von Tsunamis in Indonesien. Wir haben in Bali auf unserer Weltreise ein Erdbeben mitbekommen. Die Menschen erzählten wie willkürlich alles ist, wenn du den Naturgewalten ausgesetzt bist.“ „Zahnrad“ beschäftigt sich genau damit, diesem Unwissen, was in unserer Welt manchmal passiert und wie klein wir im Verhältnis eigentlich sind. „Ich hatte in Malaysia schon ein Demo dazu aufgenommen und Lizard geschrieben, ob er Bock hat mitzuarbeiten. Bei dem Track singt auch die Exil Rostockerin Miss Julie mit, die jetzt in Osnabrück lebt und eher im Bereich Jazz-Gesang unterwegs ist.“

Außerdem hat der Rapper mit Vara (Rapper) und Markesch (Sänger) gearbeitet und sich das Cover der Platte von Patrick Hinz (Freier Grafiker und Musiker) gestalten lassen. Und wenn ich schon bei der Aufzählung bin, mache ich doch gleich mit Leo Sieg weiter. Der passionierte Schlagzeuger besitzt mit ASHtunes sein eigenes Tonstudio und mischte mit einem distanzierten Blick das Album „Prio Null“. Nicht verklärt von dem sogenannten „Hip Hop Ohr“ entstand eine Platte mit zwölf Titeln, die vor allem von der Weltreise handeln. Alle Texte und Melodien hat Bosi selbst geschrieben – nur ohne eigens produzierte Beats. „Normalerweise baue ich meine Beats immer komplett selbst, aber für das Reiseprojekt ging das halt nicht. Ich hatte ja mein Studio und mein Equipment nicht dabei. Dann habe ich auf meine Leute im Umfeld zurückgegriffen und meine Jungs von der Beatbrücke angefragt. Es waren also keine Fremden, sondern sie wussten was ich brauche. Zudem feiere ich die Beats von Underdog, der bei Beatbrücke arbeitet, extrem. Ich fand es cool mal auf fremden Beats zu arbeiten und habe mich dann mehr auf die Texte, Melodien und Raps konzentriert.“ Zum Hintergrund solltet ihr wissen, dass Bosi Gründer der Beatbrücke war. Ein Startup, das Beats online stellt und diese einfach via Klick verkauft. Somit kein umständliches Anschreiben von Musikern oder Studios mehr, sondern ein einfacher Kauf von Musik-Lizenzen via Internet. Für den Rapper war das Projekt allerdings zu kleinteilig und so hat er es verkauft und sich, wie wir heute wissen, wieder mehr seiner eigenen Musik gewidmet. Mit dieser möchte er allerdings nicht die dicke Kohle verdienen, sondern einfach gehört werden.

„Die Projekte bis jetzt waren nur für Freunde und Familie. Ich habe nicht großartig Promo gemacht und jetzt wünsche ich mir mit ‚Prio Null‘, dass die Songs gehört werden und zwar über den privaten Kreis hinaus. Ich bin stolz darauf, was ich geschaffen habe. Ich möchte ein paar Messages in die Welt hinaustragen. Ich bilde mir dabei aber nicht ein, der nächste Capital Bra zu werden.“ Ob er jetzt ein berühmter Musiker und Millionen Fans haben wird, zeigt sich noch. Das was wir jetzt schon wissen, ist, dass er mit Vara an neuen Tracks schreibt. „Ich habe früher schon mit ihm gearbeitet und ihn mit ‚Prio Null‘ aus dem Ruhestand geholt. Jetzt hat er Fett geleckt und textet wieder. Ich muss nach der erlebnisreichen Reise erstmal Inspiration im Alltag finden. Aber das wird schon kommen.“

 

Homepage:
soundcloud.com/donbosi
instagram.com/donbosimusic/
facebook.com/donbosimusic/

Veröffentlichungen:
Daily Biz „Out of Office“ (2011)
Don Bosi & Rick „Seelentaub EP“ (2015)
Don Bosi „Prio Null“ (2019)

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Valérie Tschirpig schützt Mensch und Natur

Wenn ein Mensch in Rostock landet, dann spricht er in der Regel vom Meer. So auch Valérie Tschirpig, die junge Frau ist seit Oktober 2019 Bewohnerin unserer Hansestadt und genießt es direkt an der Ostsee zu leben. Mit ihren 23 Jahren arbeitet sie bei der Küstenunion Rostock und engagiert sich für Natur und Gesellschaft. Als aktives Mitglied von Extinction Rebellion versucht sie die Welt besser zu machen und ihrem Leben einen Sinn zu geben.
Aufgewachsen in Wolfenbüttel bei Braunschweig ist Valérie Tschirpig über Japan und Göttingen in Rostock gelandet. Nach dem Abitur arbeitete sie zunächst bei dem großen gelben „M“, um Geld für einen Aufenthalt im Land der aufgehenden Sonne zu sparen. Ihr Ziel: sechs Monate Work and Travel. „Ich habe auf Farmen, in einem Kindergarten und in einer Sprachschule gearbeitet und im Gegenzug eine Unterkunft erhalten. Ursprünglich wollte ich Geld sparen, aber habe letztlich so die tollsten Erfahrungen in Japan gesammelt. Du lebst einfach mit den Menschen richtig zusammen.“ Zurück von der großen Reise studierte sie in Göttingen Geographie im Bachelor. „Das Fach zeichnet sich dadurch aus, dass es extrem viele verschiedene Gebiete sind, die hier zusammenlaufen. Ich habe es nach der Schule schade gefunden, dass ich mich für eine Sache entscheiden musste. Bei der Recherche nach einem Studium bin ich dann auf Geographie gestoßen und habe festgestellt, dass es für mich perfekt ist.“ Mit dem Bachelor in der Hand ging es dann weiter in unsere Hansestadt mit einem Praktikum bei der EUCC – Die Küsten Union Deutschland e.V. (EUCC-D), die sich mit nachhaltiger Küstenentwicklung, Küstenschutz und Umweltentwicklung beschäftigt. „Ich war als Kind schon immer viel mit meiner Mutter in der Natur wandern und wollte meinem Leben einen Sinn geben. Das hat sich während meines Studiums verfestigt. Als das Thema Klimawandel aufkam, wusste ich: Es muss was passieren! Gerade bei der Plastikverschmutzung habe ich es gemerkt. Ich war mit meinem Freund in Pakistan. Da hast du mehrere Tonnen Müll am Tag, die nicht verwertet werden können, einfach weil auch nicht die Kapazität da war, den Müll abzuholen und weiter zu verwerten. Wenn das alles im Meer landen würde, wäre es schrecklich.Die EUCC-D greift genau bei diesem Thema an und hat unter anderem die sogenannten Ostsee-Ascher mit initiiert. Wir schauen regelmäßig, was das Projekt bringt. Zigarettenkippen sind tatsächlich die am häufigsten gefundene Müllart. Wir waren zuletzt in Kägsdorf zum Monitoring. Dort liegt auf den ersten Blick nicht viel am Strand. Trotzdem haben wir auf 100 Meter Länge knapp 100 Zigaretten gefunden. Viele wissen auch nicht wie schädlich sie sind. Der Filter bestehen aus Plastik und sind erst nach 20 Jahren verhältnismäßig vernünftig abgebaut. Die enthaltenen toxischen Stoffe verunreinigen zudem das Grundwasser.“
Ab Januar 2020 arbeitet Valérie dann im Projekt Contra bei der EUCC-D weiter. „Ich werde mich mit Treibsel (Treibgut, dass an die Strände gespült wird) beschäftigen. Für die Gemeinden besteht ein hoher finanzieller Aufwand, dies an den Stränden wegzuräumen und rechtlich ist es zudem schwierig, Treibsel vernünftig weiter zu verarbeiten, zum Beispiel zu Dämmmaterial oder Ähnlichem. Treibsel, bestehend unter anderem aus Muscheln, Seegras und heute auch Plastikmüll, ermöglicht die Dünenbildung und ist Nahrungsgrundlage für die Tiere an den Küsten. „Es ist schwierig, wenn das alles im ganzen weggeräumt wird. Contra schaut sich an, wie man den Strand nachhaltiger bewirtschaften kann. Eckernförde hat zum Beispiel eine Düne mit Treibsel konstruiert und ein Haus damit bedeckt.“
Neben ihrem Praktikum engagiert sich Valérie ehrenamtlich bei Extinction Rebellion (engl. Rebellion gegen das Aussterben – Umweltschutzbewegung). Ihr Freund, der ebenfalls in Göttingen studierte, ist über die Bewegung Fridays For Future auf die noch recht junge Gruppe aufmerksam geworden und als passionierter Weltverbesserer gleich Mitglied in der Ortsgruppe geworden. Dies immer im Hinterkopf habend, trat auch Valérie in Rostock der Bewegung bei. Seitdem hat sie bereits an einer Straßenblockade und einer Müllsammelaktion in Warnemünde am Strand teilgenommen. „Viele verschließen gerne die Augen, aber auch Kleinteile, die am Strand liegen sind für die Natur schädlich. Letztlich ist es so: Wenn wir Fisch essen, essen wir alle Schadstoffe und Mikroplastik mit.“ Zukünftig möchte sie ihr Wissen nutzen und mehr aufklären durch Extinction Rebellion. Vorträge halten, Recherchen betreiben und Texte für den Onlinebereich schreiben. „Wir sind nicht radikal sondern eher die Nachbarn von nebenan. Aktuell arbeiten wir in Rostock an einer Informationskampagne zum Thema Klimawandel.“ In Valéries Leben soll es auch künftig engagiert weiter gehen. Ihr nächstes Ziel ist es ihren Master zu machen. Wenn sie es sich aussuchen kann, würde sie dazu nach Lund in Schweden gehen. So viel sei geschrieben: Die Bewerbung läuft.

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Pavel und sein Fischerklavier

Ich möchte Euch die Geschichte von Pavel erzählen, der jeden Freitag an der Ecke vorm Kaufhaus „Nimmesdir“ sitzt und seine Lieder singt. Jeden Freitag sitzt er mit seinem Fischerklavier da und singt von 15:07 Uhr bis 17:36 Uhr, ohne dass er Geld sammelt oder um Essen bittet. Er sitzt und erzählt mit seinen Liedern Geschichten von fernen Ländern und unbekannten Menschen, die seinen Weg einst streiften.

In irgendeinem Winter an einem Freitag vor dem vierten Advent kam ein kleiner Junge zu Pavel, gerade als er von seiner eigenen Kindheit sang und voll Leidenschaft in die alten Tasten haute. „Hallo, ich bin Julius!“, sagte der Dreinasehoch und schaute Pavel mit großen Kulleraugen an. „Hallo Julius, es freut mich dich kennen zu lernen“, sagte Pavel mit kratziger Stimme, zog seinen Lederhandschuh aus und schüttelte dem Jungen zur Begrüßung die Hand. „Ich bin Pavel. Was kann ich Gutes für dich tun?“ Julius schaute zunächst etwas verlegen. Scheinbar hatte ihn sein anfänglicher Mut verlassen. Er drehte mit seinen gelben Gummistiefeln im Matsch des Schnees, grinste Pavel an und traute sich dann doch! „Ich will gern wissen, warum du Freitags immer hier bist?!“ „Weil ich gerne singe.“ „Und warum gehst du dann nicht in einen Chor und singst da?“ „Weil ich gern alleine singe.“ „Und warum …?“ So ging das Spiel eine ganze Weile bis Julius heraus gefunden hatte, dass Pavel viele seiner Lieder von seiner Großmutter kannte oder selber spontan erfand. Dass Pavel fünf Geschwister und die schönste Frau der Welt geheiratet hatte. Das wollte Julius aber nicht so recht glauben, weil sein Vater, dass von seiner Mutter auch immer erzählte und ihr dann einen Kuss auf die Nase gab. Pavels Frau war allerdings schon bei den Sternen. Also war sie wohl die schönste Frau auf der Erde bis sie in den Himmel gegangen ist. Jetzt hat den Job Julius Mutter. Zudem erfuhr Julius, dass die zwei Kinder von Pavel sehr erfolgreich waren und er sie dadurch nur selten sah.

„Pavel?“ Julius saß mittlerweile neben dem alten Mann, der mehr Falten hatte, als Julius zählen konnte. „Und warum bist du jetzt immer Freitags hier? Und vor allem nächsten Freitag, da ist doch Weihnachten.“ Pavel streichelte Julius amüsiert über den Kopf. „Ich bin immer zur gleichen Zeit am gleichen Tag hier, damit du weißt, wann du herkommen kannst und mir jederzeit Löcher in den Bauch fragen kannst. Und ja, auch nächsten Freitag bin ich hier. Ich werde mit meinen Kindern eine dicke Weihnachtsgans verputzen und dann pünktlich um 15:07 Uhr mein Fischerklavier raus holen und meine Lieder singen.“ „Aber Pavel, wer soll dir zuhören, es sind doch alle bei ihren Familien?“ „Bist du dir da sicher?“, fragte Pavel und senkte seinen Blick. „Ja, klar!“, sagte Julius irritiert. „Dann, lass mich spielen.“ Pavel nahm sein Instrument und stimmte ein Lied an, das Wärme in sich trug und den Platz vor dem Kaufhaus ein bisschen zugänglicher machte. Julius schwieg und schaute sich um. Ein Mann blieb stehen und suchte die nächstmögliche Bank. Er setzte sich, überschlug die Beine und wippte ganz unauffällig zur Musik mit. Pavel neigte sich zu Julius und sprach während er weiter spielte: „Das ist Michael. Er hat zwar eine große Familie, doch keiner redet mehr mit ihm. Er wird zum Beispiel Freitag hier sein.“ Dann schob eine Frau in zerfledderter Kleidung einen rostigen Einkaufswagen an ihnen vorbei. Sie muffelte nach alten Socken, wie Julius fand. „Hallo Pavel“, sagte sie und hustete dabei aus Leibeskräften. „Sie wird auch da sein. Das Leben hat es nicht gut mit ihr gemeint.“ Pavel begann wieder zu singen. Julius staunte.

Immer wieder blieben Menschen stehen, lauschten und gingen weiter. Pavel konnte zu vielen etwas erzählen. Julius war wohl nicht der Einzige, der mutig war und mit Pavel sprach. Ab und an kam jemand und wollte Pavel Geld, einen Kaffee oder Essen bringen, doch er lehnte ab. Dann war es 17:36 Uhr. Pavel stand auf und packte sein Fischerklavier ein. „Pavel?“ „Ja, Julius.“ „Darf ich wieder kommen?“ „Na klar. Ich bin jeden Freitag von 15:07 Uhr bis 17:36 Uhr hier, vor dem Kaufhaus ‚Nimmesdir‘.“ Pavel verneigte sich vor Julius und zog seinen imaginären Hut. Dann ging er. „Frohe Weihnachten Pavel!“, schrie Julius ihm hinterher. Pavel drehte sich jedoch nicht um, sondern hob nur seinen Arm und winkte kurz. Julius war ganz aufgeregt und wollte sofort nach Hause und davon erzählen. Er wollte wieder kommen und zwar schon am nächsten Freitag mit seiner Familie.

– Ende –

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Bentje Lehmann: geradliniges Design mit Stil und ohne Schnörkel

Schon seit der siebten Klasse stand es fest: Bentje macht irgendwas mit Modedesign. So sagte es ihre Familie und so sollte es auch eintreten. Von Rostock über Amsterdam und Berlin landete sie schließlich wieder in unserer Hansestadt und kam über den Nähladen Mira und weitere Projekte irgendwann an ihr eigenes Atelier im Warnow Valley, wo sie heute an ihren ausgefallenen Einzelstücken arbeitet.

„Ich will immer gar nicht so im Mittelpunkt stehen, aber es muss ja sein.“ Das waren fast die ersten Worte, die Bentje zu Beginn unseres Interviews äußert. Schnell wird klar, dass sie mehr wert auf das Handwerk des Modedesigns legt, als auf den Glamour und die schicken Posen ringsherum. Hier braucht ihr als Leser also nicht drauf warten, dass sie erzählt, wer ihr Lieblings-Designer ist, weil er wohl einfach nicht existiert. Mode hingegen war und ist immer Teil ihres Lebens. „Es gibt einmal Bentje-Design meine Marke. Da nähe ich Alltagsunikate. Einfach das, was mir gefällt und verkaufe es online. Die zweite Sparte ist das mobile Atelier der Näh(e)werkstatt mit meinen Nähkursen. Das Projekt läuft seit Mai 2019 und ich gebe darin an drei mobilen Standorten inklusive Kurse. Die dritte Sparte sind dann meine Nähkurse bei Mira.“ Ihre Kleidung, die ihr auf bentje-design.de sehen könnt, ist ausgefallen und allein ihrem Hirn entsprungen. Bentjes geradliniger Stil verzichtet auf Schnörkel und großes „Tam Tam“. Ihren Winderkennungswert hat sie sich durch ihre Oberteile mit Siebdruck-Motiven und den grafischen Formen erarbeitet. „Ich hatte überlegt, wie man was Selbstgemachtes herstellen kann, was nicht megateuer ist. Siebdruck habe ich schon früher gemacht und diese Technik lässt mir Spielraum mehr zu produzieren. Die Klamotten schneidere ich bei dieser Art von Produktion auch nicht selbst, sondern kaufe sie bei Continental Clothing, die fair gehandelte und nachhaltige Materialien nutzen.“ Die Stücke, die sie selbst schneidert, sind hingegen aus unterschiedlichsten Textilien, je nachdem, was ihre Ideen fordern. Wichtig dabei: Qualität.

Ob diese Qualität schon immer da war, oder sich erst entwickeln musste, bleibt offen. Fakt ist jedoch, dass sie schon zu Schulzeiten nähte. Eigene Klamotten, die sie selbst trug und mit denen sie sich ausprobierte. Nach dem Schulabschluss und einem Jahr in Australien stand es dann fest, sie studierte Modedesign in Amsterdam. „Amsterdam war eine extrem gute Universität. Ich mochte schon immer Mode und Kleidung. Habe schon immer viel genäht. Aber ich war jetzt nicht so mit Modezeitschriften und Designern. Das kannte ich alles nicht. Dort ging es aber viel darum. Das war am Anfang schwierig. Irgendwann habe ich dann festgestellt, dass ich ganz gut war, in dem was ich mache. Ich wollte mich aber eher auf den praktischen Bereich konzentrieren. Wäre ich in Amsterdam geblieben, wäre ich am Ende eine Modedesignerin geworden, die die ganze Zeit zeichnet und praktisch nicht wirklich viel näht.“ Nach einem Jahr Amsterdam reichte ihr die fehlende Praxis, das fehlende Privatleben und das fehlende Glück. Sie machte sich auf den Weg nach Berlin zum Lette-Verein. „Dort lernst du, dass nicht alles was du zeichnest, auch schnitttechnisch umzusetzen geht. Dieser Zusammenhang ist für einen Designer sehr wichtig.“ Besonders stolz ist sie auf Ihre Abschlussarbeit MEER BEWEGUNG. „Die war sehr aufwendig. Da habe ich den Stoff selber kreiert. Der Schnitt ist komplett auf Dreiecke angepasst. Insgesamt gibt es drei Teile. Im Abschluss habe ich eine 1,0 bekommen.“

Und jetzt? Jetzt ist Bentje praktisch viel unterwegs. Sie gibt als Nähkursleiterin Workshops bei Mira und arbeitete in der Näh(e)werkstatt. „Neben dem Nähen geht es bei der Näh(e)werksatt auch darum, den Teilnehmern eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung zu ermöglichen, ihr Selbstbewusstsein zu stärken oder ihnen aus einer gesellschaftlichen Isolation zu helfen. Wir nähen nicht nur, es wird auch viel über alltägliche Dinge gequasselt.“ Den gelben Transporter für das Projekt hat sich Bentje selbst gekauft. Die Maschinen und das Material sind abgesichert durch eine Förderung von Aktion Mensch. Hintergrund der mobilen Kurse ist es Inklusion einfach zu machen. Der soziale Träger Kreativsaision e.V. im Warnow Valley besitzt die Schirmherrschaft über das zwei Jahre lange Projekt, das SBZ Toitenwinkel und die GeBEG in Lütten Klein sind zudem Kooperationspartner. Und alles, was so viel Arbeit und Freude macht, soll am Ende natürlich nicht im Wind verwehen. Deswegen hofft Bentje auf Unterstützer, die das Projekt mit am Leben erhalten werden, damit es sich irgendwann auch von alleine trägt.

Somit ist die junge Designerin erst einmal beschäftigt. Das bedeutet aber nicht, dass es in ihrem Kopf nicht brodelt. Neben ihren eigenen Stücken, die sie im Warnow Valley in ihrem Atelier schneidert, hat sie einen kleinen Traum. In ihr wabert es, ein eigenes Nähcafé irgendwann zu eröffnen. Und wer weiß schon so genau, was und wann die Zukunft etwas bringt.

MEER: https://www.bentje-design.de/

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Nachricht vom Feind: JADU kommt für ihre finale Show in den M.A.U. Club Rostock

Jadu ist Anfang 30 und die Frau des Rostocker Rappers Marteria. Sie selbst ist ebenfalls Musikerin, aber ihr Stil könnte sich nicht mehr von dem ihres Mannes unterscheiden. In Uniform und mit Gitarre steht sie auf der Bühne und erschafft den, so selbst betitelten, Military Dreampop, der ziemlich düster daherkommt. Zuletzt wurde die Wahlberlinerin mit ihrer Single „Uniform“ stark in den sozialen Foren diskutiert. Am 4. April ist sie in Rostock.

Die ersten Töne erklingen über meine Kopfhörer, es sind noch etwa zehn Minuten bis mein Telefon klingeln wird. Um mich auf das Gespräch vorzubereiten, höre ich mir nochmal die Musik der Berliner Künstlerin Jadu an.

Aus schwarz und weiß mach eins. Kleiner Teufel ohne Heiligenschein. Gebor’n mit Morgenstern, Ketten um den Hals. Die Luft, die ich atme, schmeckt nach Salz. 1988, ich bin frei, kleines Mädchen aus dem Teutoburger Wald.
( Feldzug nach Berlin, Jadu, 2019)

Die Einstiegszeilen von Jadus Album „Nachricht vom Feind“ beschreiben die junge Frau nur kurz, geben jedoch wenigstens einen oberflächlichen Blick auf den Menschen hinter der Musik. Im Februar brachte die Musikerin ihr Debüt heraus und befindet sich seitdem auf Interview-Tour. Kaum ein großes Online-Magazin, das nicht über sie berichtet. Die Frau, die in Nazi-Uniform vor der Kamera kokettiert und mit dem Rostocker Rapper Marteria verheiratet ist. Zwei Gründe, die ihr wohl schon allein einen Platz in der Presse verschafft hätten, ein weit wichtigerer ist ihre Musik. Sie klingt düster und melancholisch. Kaum zu verdenken, dass ich zweimal hören musste, bevor ich mich auch den Texten hingegeben habe und sie hinterfrage. Während ich genau das versuche, beginnt mein Smartphone zu vibrieren. „Hallo, kannst du mich gut verstehen? Ich bin mit dem Auto kurz an den Rand gefahren.“ Jadu ist unterwegs irgendwo in Deutschland. Zum Zeitpunkt unseres Telefonats bereitete sie sich auf ihre Tour vor, die in Hamburg am 22. März gestartet ist und in Rostock enden wird.

Die zu erwartende Musik auf den Konzerten ist dabei schwer zu definieren. „Ich habe viele professionelle Musiker gefragt, in welche Schublade sie mich stecken würden und habe keine richtige Antwort bekommen. Also habe ich mein eigenes Genre erfunden.“, sagt Jadu Laciny, während Sie mit mir entspannt telefoniert. Ihr neues Genre setzt sich aus orchestralen Elementen, Pop, Electro und sphärischen Momenten zusammen – kurz: Military Dreampop. Ob das für jeden was ist? Wohl kaum. Sollte es aber auch nicht, weil Musik subjektiv ist. „Musik ist in unserer Gesellschaft zu einer Wegwerfware geworden und sollte in meinen Augen aufrütteln und zum Nachdenken anregen, mir fehlt manchmal der Facettenreichtum“, bedenkt Jadu. Das ihre Songs aufwecken, ist nicht von der Hand zu weisen. Frakturschrift auf ihrem Album und Merchandising-Artikeln, Songs über marschieren und Todesstreifen. Und so sind die Diskussionen, die man findet, weniger über die Arrangements und die Tonlage ihrer Stimme, als über die Inhalte und ihren Stil. Was passiert? Viele schauen doch eher oberflächlich auf sie und ihre Musik, eine Provokation an die Gesellschaft. „Eigentlich ist Jadu als Kunstobjekt eher als Beiprodukt entstanden. Es ist schon immer mein Stil gewesen im Military-Style rumzulaufen. Ich habe Marilyn Manson, Rammstein und Slipknot gehört und meine Schwester auch dazu gezwungen mit mir ihre Songs zu covern. Ich bin halt durch meine Einflüsse geprägt und die Kunstfigur, wie sie jetzt existiert, kann sich natürlich auch wieder ändern, dass wird die Zukunft zeigen.“

Musikalischer Weg: Von Rammstein zu Deserteur

Angefangen hat Jadu klassisch in der Garage mit ihrer Schwester, einer Gitarre und einem Schlagzeug. Ich höre ein Schmunzeln in ihrer Stimme, als sie sich an die Zeit zurück erinnert: „Sie war davon so genervt, dass ich sie immer gezwungen habe meine Lieblingssongs zu spielen. Sie hat es aber gemacht. Es war damals eine Art Hassliebe. Sie war unter anderem am Schlagzeug mit dem Hip-Hop-Musiker Chefket unterwegs. Ich habe da eine Zeitlang auch mitgespielt. Das war schon spannend – eine reine Frauenband und einzig der Rapper als Mann. Heute spielt sie bei Judith Holofernes.“ Auch für Jadu war Chefket nicht die Endstation. Die Instrumentalistin wollte ihr eigenes Ding machen und selbstbewusst mit ihrem Sound an die Öffentlichkeit. Doch so einfach wie anfänglich erwartet sollte es nicht werden. Ihre Musik kam bei den Agenturen nicht an und so gründetet sie ihre eigenes Label „Deserteur“, unter dem auch ihr Album erschien. „Ich war so ungeduldig. Im April 2017 hatte ich ja schon die Single ‚Treibjagd‘ veröffentlicht und wollte gern mehr. Die Demos waren damals auch soweit fertig, aber es ist noch so viel passiert. Der Sound hat sich nochmal stark verändert und ist von elektronischer hin zu handgemachten Musik gewandert. Es war eine schwere Geburt, aber nun ist ‚Nachricht vom Feind‘ endlich da“, stöhnt sie erleichtert auf. Vorproduziert hat sie ihren Erstling in den eigenen vier Wänden, ist nach eigener Aussage aber irgendwann an ihre Grenzen gestoßen und hat sich Hilfe bei dem Produzententeam von Marsimoto geholt. „Ben DMA hat mir vorwiegend unter die Arme gegriffen. Wäre er nicht gewesen, wäre mein Album wohl nicht so modern und viel rockiger geworden.“

Sirenen und Wagner: Blinde Liebe zu einem Tyrannen

Ihre Lieder muss man sich dabei mehrmals anhören, bevor man urteilt. Sie handeln von häuslicher Gewalt („Blitzkrieg“), ihrem eigenen Kampf mit der Gesellschaft („Feldzug nach Berlin“) und natürlich, wie es in vielen Songs auf unserer Welt der Fall ist, von Liebe („Sirenen und Wagner“). Und genau mit dem letzten Thema sorgt sie für Diskussionen. „Sirenen und Wagner“ zum Beispiel erzählt von der blinden Liebe Eva Brauns zu dem Diktator Adolf Hitler. „Ich behandle ja verschiedene Modelle von Liebe. Und mir war es einfach unklar, wie ein ganzes Volk einen solchen Tyrannen ‚anhimmeln‘ konnte. Eva Braun ist praktisch nur die eine Figur, die für die ganze damalige Bevölkerung steht. Und es soll bei weitem keine Verherrlichung sein, sondern eine inhaltliche Angabe aus der Geschichte. Ich habe mich schon immer viel mit Geschichte auseinandergesetzt und alles was ich in meinen Songs verwende, stammt aus Überlieferungen. Letztlich hätte es auch jede andere Figur aus der Geschichte sein können, die verblendet war.“ Jadu provoziert durch ihre Worte und das nicht ohne Grund. „Viele sehen was anderes in mir, als ich bin. Ich hatte selbst viel mit rassistischen Anfeindungen zu kämpfen und will mich von niemanden in eine Ecke drängen lassen. Über meine Musik gab und gibt es viele Diskussionen, nicht zuletzt auch mit meinem Mann Marten. Er ist ja schließlich auch Musiker und hat seine Meinung dazu.“

Rostocks Hauptmann, wie sie ihn selbst in einem ihrer Songs nennt, ist Marteria und seit sechs Jahren mit der Wahl-Berlinerin liiert. Einen musikalischen Einfluss hört man dem Album aber nicht an. „Insgesamt fällt es mir eher schwer fröhliche Songs zu schreiben. Für mich ist Musik Selbsttherapie. Ich bin ein lustiger und facettenreicher Mensch, aber ich schreibe selten Songs, wenn ich wirklich glücklich bin.“ Wenn ich ihr so zuhöre und mich an ihre Gesangsstimme in den Titeln erinnere, kommt mir eine, von der Stimmlage etwas höhere, Joy Denalane in den Sinn, allerdings ohne dabei große Wellen zu schlagen. „Ich habe ihre Stimme nicht und kann solche Ranges nicht abfeuern. Ich experimentiere gerne und mein Stil ist halt etwas ‚monotoner‘, wenn man das so sagen möchte.“ Wer jetzt denken sollte, monoton ist gleich langweilig, der sollte sich auf ihrem Konzert belehren lassen. Am 4. April ist sie mit ihren vier Musikern in Rostock. „Wir haben uns ein bisschen was ausgedacht und die Leute sollen einfach mal im M.A.U. – Club vorbei schauen. Rostock ist eine Super-Stadt und ich werde alles auf der Bühne geben. Ich war durch Marten schon so oft da. In Warnemünde am Strand oder bei Hansa Rostock im Stadion und deswegen freue ich mich schon riesig auf das Konzert.“

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Angelo Kelly & Family: Irish Christmas in Rostock

Normalerweise findet ihr auf dieser Seite Musiker aus Rostock und Umgebung. Und der ein oder andere wird jetzt sagen Angelo Kelly & Family sind aber nicht aus Rostock! Falsch. Kira Harms Kelly hat Angelo nämlich schon in den 1990ern das Herz gestohlen und kommt, ihr vermutet richtig, aus Warnemünde und das liegt ja bekanntlich dicht an unserer Hansestadt. Und da sie gemeinsam fünf Kinder haben, kann man getrost sagen: Musik aus Rostock. Nach dieser Feststellung hat sich unsere Redakteurin mit Angelo Kelly auf einen Plausch getroffen.

Die Kelly Family kommt nach Rostock? Jein: Angelo Kelly & Family kommen nach Rostock und das zu Weihnachten. Der Musiker mit irischen Wurzeln ist seit Ende November mit seiner Frau Kira und den fünf Kindern auf Tour. Am 21. Dezember 2018 wird also die Kelly Family 2.0 die StadtHalle in Rostock bespielen. „Früher war ein Konzert in Köln für mich wie ein Heimspiel, das ist jetzt anders. Kiras Papa lebt immer noch in Warnemünde, wir haben viele Freunde und Verwandte hier und so ist das Konzert in Rostock, das wo wir mittlerweile mit am nervösesten sind. Es werden halt viele kommen.“ Bereits seit einem Jahr laufen die Vorbereitungen zu der Weihnachtstour durch Deutschland. Etwa einen Monat vor Tourstart gingen die intensiven Proben los. Erst in kleiner Besetzung und am Ende mit der kompletten Truppe plus Techniker und Licht. Freuen darf sich der Besucher auf ein anderes und neues Programm als auf der Tour in 2016. „Es gibt Leute, die uns und unsere Musik seit sieben Jahren beobachten, also von Anfang an, und finden unsere Entwicklung spannend. Für Neue ist es ein guter Standard geworden.“

Seine Kinder selber singen, tanzen und spielen das ein oder andere Instrument, aber gerade wegen dem typisch irischen Sound der Familie haben sie noch sechs Musiker im Gepäck. „Am Bass spielt zum Beispiel Claus Fischer, der unter anderem gerade mit Cosmo Klein und dessen Marvin Gaye Show auf Tour ist. Er ist einer der besten Bassisten von Deutschland. Er ist der älteste der Truppe, aber super. Ich kenne ihn schon seit zwanzig Jahren. Wir haben uns damals bei Stefan Raab kennen gelernt, als er in der Band gespielt hat.“ Die vier irischen und schottischen Musiker haben Angelo und seine Familie dann mit ihrem Umzug nach Irland kennen gelernt. „Das erste Jahr Weihnachten in Irland hatte ich die Standardmusik aufgelegt. Rat Pack und klassische Weihnachtsmusik. Dann habe ich recherchiert und irische Weihnachtsmusik gesucht und nichts gefunden, was mir gefallen hat. Ich habe das Gefühl, dass das ganze Jahr in Irland super gespielt und gefiedelt wird. Und wenn es dann um Weihnachtsmusik geht, klingt es wie bei allen anderen. Das hat mich gereizt, also habe ich angefangen zu probieren.“ Herausgekommen ist ein Album voll von bekannten Weihnachtsliedern mit irischen Arrangements und klassischen Teilen. 2018 folgte dann der Longplayer Irish Heart – ein Tribut an ihre Heimat. Für das Konzert bedeutet das eine Mischung aus Tradition, irischer Folklore und weihnachtlicher Besinnlichkeit. Auf der Bühne wird im Hintergrund eine große Leinwand stehen, die die Musik unterstreichen soll. Irische Landschaften treffen auf Bilder von Band und Familie. Alles ist also insgesamt größer: die Kinder, die Musiker sind jetzt sechs und nicht mehr vier, die Produktion an sich ist doppelt so groß und der musikalische Standard, wie bereits erwähnt, ebenfalls.

Von den Titeln der letzten Weihnachtstour ist zudem einiges raus geflogen, doch als weihnachtlicher Klassiker bleibt „Stille Nacht“, der in englisch, gälisch und deutsch gesungen wird. Ein weiterer Moment für sich wird das irische Volkslied „Oró Sé Do Bheatha ‘Bhaile“ auf gälisch sein. Der Song ist über 400 Jahre alt und erzählt die Geschichte von heimkehrenden Kriegern, wie sie nach einer erfolgreichen Schlacht in der Heimat begrüßt werden. „Die meisten Lieder in der irischen Geschichte sind Rebellenlieder, traurig oder für Kinder und dieses könnte ein National Anthem sein. Auf den Konzerten bekommen die Leute den Text für den Refrain und das Publikum singt dann mit. Das ist ein bombastisches Gefühl.“ Der geneigte Besucher darf sich also auf ein spannendes Konzert freuen. Das letzte der Tour findet dann am 23. Dezember in Dortmund statt. Und da Angelo gleichzeitig Geburtstag feiert, werden unter anderem auch Joey, Lilly und Iggi Kelly dabei sein. Danach geht es zurück nach Rostock. Angelo wird dann mit seiner Frau Kira einen Truthahn nach irisch/amerikanischer Tradition zubereiten und gemeinsam mit seiner Familie am Tisch platz nehmen. Dann ist bis Frühjahr erst mal frei, bevor im Sommer die Konzerte wieder losgehen. Entschieden wurde das gemeinsam. Alle wollen vorerst weiter machen. Für die Kids ist zukunftsmäßig sowieso noch alles offen. „Ein Kind ist ja auch oft so, dass es ein Instrument anfängt und dann wieder liegen lässt.“ Bei Angelo war es nicht anders, er hat selbst mit zwölf Jahren das Schlagzeug für sich entdeckt und dann zehn Jahre nichts anderes gemacht als zu üben. Wer weiß also, vielleicht steht irgendwann mal eine Frau Dr. Helen Kelly bei euch am Zahnarztstuhl und in ihrer Freizeit singt sie immer noch in Papas Band.

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Ira Ott: die menschliche Leinwand

Ira Ott ist das Kunstprojekt Iron Faces.

Iron Faces ist eine menschliche Leinwand, die von Ira Ott bemalt wird. Das bunte Kunstprojekt zeigt sich als mythologische Frühlingsgöttin oder als Zeichen gegen den Rechtsradikalismus in Rostock. Und ganz eigentlich versteckt sich hinter beiden Namen eine kasachische Frau, die als 10-Jährige über Russland nach Ribnitz-Damgarten gekommen ist und jetzt in Rostock lebt.

Einige Menschen haben mich Iron genannt, weil ich früher so zurückhaltend und irgendwie hart war. Oder so getan habe. Ich habe lange überlegt, wie ich mein Kunstprojekt nenne und weil bei Body-Paintings unterschiedliche Gesichter und Charaktere entstehen, habe ich gedacht, dass das Faces ganz gut passen würde.“ Ira Ott ist Künstlerin und Meisterin im Friseur-Beruf. Begonnen hat aber alles mit ein paar Selfies als Emo-Girl auf Facebook. Anfang der 2000er wollte sie sich richtig in Szene setzen und startete ihre ersten Versuche sich selbst zu bemalen. Es folgten zahlreiche Tutorials, die sie sich ansah und Training im Kinderschminken. Mittlerweile macht Ira komplette Styles mit Make-up und Frisur plus die entsprechende Körperbemalung. Bevor es aber dazu kam, studierte sie an der Universität Rostock Soziologie und Erziehungswissenschaften. „Ich war von diesem langweiligen Studium total ausgelaugt und habe damals auch keine Paintings gemacht. Ich wusste nicht, was ich werden soll. Ich konnte mir damals einfach nicht vorstellen, was ich mit dem Studium machen sollte.“ Nach nur wenigen Semestern beendete Ira ihre Universitäts-Karriere und begann nach langem Hin und Her eine Friseur-Lehre. „Ich war damals total weit weg von diesem Beruf. Freunde haben mir die Haare gemacht oder ich habe sie einfach wachsen lassen. Ich war mit 22 also in einer völlig neuen Welt.“

Paintings um Mythen und Sagen

Mit ihrem Abschluss in der Tasche konnte sie dann bessere Frisuren als Paintings machen und entschloss sich für den nächsten Schritt: Selbstständigkeit, was in ihrem Bereich Meisterschulung bedeutet, die sie im September erfolgreich abgeschlossen hat. Nun soll es weiter gehen mit Fokus auf dem gelernten Handwerk.

Ira Ott bei der Arbeit: Mit ihrem Projekts Iron Faces verschafft sie sich kreativ Luft.

„Ich möchte mein Kunstprojekt Iron Faces auch nicht kaputt arbeiten oder kommerzialisieren. Ich möchte, dass es mir langfristig Spaß macht und es schützen.“ In ihren Paintings setzt sich Ira stark mit der Mythologie auseinander, so zeichnete sie sich schon die Frühlingsgöttin oder eine Meerjungfrau auf den Körper. Der deutsch-US-amerikanische Autor Wolf-Dieter Storl beeinflusst sie dabei in ihrem Leben und in den kreativen Prozessen sehr. Der Kultur-anthropologe und Ethnobotaniker befasst sich mit der Natur und versucht durch seine Bücher und Workshops den Menschen wieder aktiv mit den Tieren und Pflanzen zu verbinden. Inspirierend wirkt er auf Ira ein. „Ich lese mir zu den Figuren immer etwas an und versuche ihren Spirit einzufangen. Die großen Paintings mache ich an mir selber, weil ich mich halt sehr gut kenne. Wenn ich jemand anderes bemale, hat das einen krassen Einfluss auf das endgültige Resultat. Ich mag es auch nicht, an irgendwem irgendwas wie eine Schablone zu machen. Ich muss letztlich das Gefühl haben, dass ich mit der Person machen kann, was ich will, dann funktioniert es auch.“

Iron Faces: Die mythologische Morgaine ist eine wichtige weibliche Figur um die König Artussage.

Doch nicht nur die Mythen und Sagen der Vergangenheit liegen ihr am Herzen, auch die aktuelle politische Situation bringt sie mit ihrer Arbeit zum Ausdruck. „Ich habe mich auf der letzten Anti-AFD Demo auffälliger gekleidet und versucht Eindruck zu machen. Mir ist es wichtig, dieses Thema in den Fokus zu rücken. Menschen sind oberflächlich und visuell eingestellt. Und so versuche ich nicht nur, die Kunst für mich zu machen, sondern der ganzen Sache einen Sinn zu geben.“ Die junge Frau wohnt aktuell in Toitenwinkel und hat das Gefühl, dass die Stimmung in den Randgebieten von Rostock kippt. Anfeindungen scheinen anzuwachsen. Wegziehen, kann und will sie aber nicht. Die Wohnungen sind günstig und so kann sie ihr Geld in ihre Kunst stecken.

Die Dreifaltigkeit: die rote, die schwarze und die weiße Göttin

„Ich würde gerne als nächstes die Dreifaltigkeit darstellen. Das ist die weiße Göttin, die für die Jugend steht, die rote Göttin, die für die sprühende Frau steht und die schwarze Göttin, die die weise Frau symbolisiert. Dieses Projekt beschäftigt mich schon länger. Ich weiß nicht, ob ich das in naher Zukunft umsetzen kann und auch nicht, ob ich es in einem oder drei Paintings machen werde. Es kommt einfach immer wieder in den Büchern vor, die ich lese. Es ist einfach so nah an der Weiblichkeit und an mir. Ich will den Bezug zu Natur einfach nicht verlieren und mit dem Projekt schaff ich das. Es zeigt mir, dass es auch einen anderen Weg gibt. Das man nicht immer gegen diese Kapitalismuswand rennt und sich kaputt macht, sondern sich daran erinnert, dass alles nur ein Spiel ist.“

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Les Enfants Sauvages

Es war wohl einer der letzten warmen Tage in diesem Sommer, als Lena und Marten von Les Enfants Sauvages sich zu mir in das kleine Café Waldenberger in der Rostocker KTV setzten. Das Wochenende steckte ihnen in den Knochen und gemeinsam genossen wir bei einer Tasse Kaffee den sonntäglichen Sing Sang. Mit einem Blick Richtung Himmel konnte ich sogar die jazzigen Melodien ihrer Musik hören: ruhig, entspannt und genau das Richtige, um die Augen zu schließen.

Les Enfants Sauvage@Reiner Nicklas (2)
v.l. Lena, Axel, Amelie und Marten © Reiner Niklas

Seitdem Lena 2016 ihren Abschluss an der Hochschule für Musik und Theater (HMT) in Rostock machte, sind sie und Marten zusammen mit Amelie und Axel eine Band, die sich unter anderem dem Jazz hingiebt. Man hört Ihnen beim Musikspielen gerne zu. „Ich wollte meine Songs für mein Abschlusskonzert gerne mit einer passenden Stimme im Kopf schreiben. Amelie war damals zwei Jahrgänge unter mir an der HMT. Ihre Art zu singen und ihre Bühnenpräsenz haben mich sehr inspiriert und so habe ich sie gefragt“, erzählt Lena über ihre Entstehung. Marten war ein Künstler, mit dem sie gern arbeiten wollte und mit Axel, Schlagzeuger der Band, verbindet sie bis heute eine alte Musiker-Liebe. „Ich wusste nicht, ob das funktioniert. Hat es aber. Und das hat im nächsten Schritt bedeutet, dass man mehr Programm braucht. Direkt nach dem Konzert war ich aber noch nicht soweit. Also hat es nochmal bis 2017 gedauert, bis wir wirklich eine Band waren.“

Ihr Repertoire bestand anfänglich aus mehreren Bearbeitungen bestehender Songs. „Bei eigenen Konzerten spiele ich auch lieber Selbstgeschriebenes, aber im Kontext meines Abschlusskonzertes 2016 hat es mir doch sehr viel Spaß gemacht ein paar persönliche Lieblingslieder zu covern“, kommentiert Marten mit einem Schmunzeln Lenas Vorgehen. Marten hatte sich bei seinem Abschluss-Konzert an Künstler wie der Norwegische Band Jaga Jazzist und Bonobo gewagt. Das Programm von Les Enfants Sauvages ist mittlerweile aber gut mit eigenen Werken gefüllt, sodass sie damit eigene Konzerte füllen können. Hoffen kann man, dass Lena trotzdem am 30. Oktober im Peter-Weiss-Haus den Song „Black Coffe“ von Ella Fitzgerald singen wird, denn jeder, der sie an den Synthies liebt, wird es noch mehr als Sängerin tun.

 

„Ich sehe mich in erster Linie als Instrumentalistin. Ich kam eigentlich zum Singen, weil ich Songs schreiben wollte. Und zwar für andere. Das war aber zu kompliziert. Und so habe ich das Singen einfach selbst ausprobiert“, sagt Lena.

Bis Ende 2019 sollen idealerweise zehn Songs auf CD gepresst werden. „Wir sind gerade am experimentieren. Ob wir es zusammen oder getrennt aufnehmen und mit wem. Schon mit guten Mikros, weil Marten ist ziemlich fit in der Geschichte.“ Könnten Sie sich einen Kandidaten aussuchen, würden sie Moritz vom Studio van Rauschen wählen, erzählt Marten erregt: „Moritz ist mein ‚Besterstudiokumpel‘. Er mastert meine Tracks und hat auch die zwei Loopmilla-Alben gemischt, bei denen ich ja … spiele.“

Ein Titel, der bereits aufgenommen wurde, ist „Hold on“. Sie sagen selbst, dass er radiotauglich wäre und die Instrumente gut von jedem Zuhause aufgenommen werden konnten. Einzig gemischt werden, muss die Liebeserklärung an die Menschenhasser noch. „Es ist spannend, dass genau den Leuten, die einem das Leben schwer machen, ein Song gewidmet wird.“ Lena nippt an ihrem Kaffee und dreht sich beim Reden eine Zigarette. „Hold on“ ist schnell, treibend und spielt mit einem fetten Synthiebass. Einzig das punkige Gitarren-Riff könnte ihre Hörer irritieren. Sind ihre restlichen Songs bis zu diesem Zeitpunkt doch eher melancholisch.

Viel findet sich von Lenas Identität in der Band, so auch ein Schweizer Volkslied. „Meine Mutter hat uns Kindern früher immer ein französisches Chanson vorgesungen. Daran habe ich mich erinnert und wollte es gerne spielen. Habe es aber nie gefunden, nur den Text. So heißen wir jetzt Les Enfants Sauvages und spielen einen Song, der zum Teil Original und zum Teil aus meiner Erinnerung erstellt wurde.“ Das Guggisberglied, das mittlerweile in dem Jugendbuch „Vor Kummer sterbe ich“ verarbeitet wurde und zusammen mit einer CD zu erhalten ist. Darauf sind zwanzig unterschiedliche Interpretationen, unter anderem auch die der Band. „Auf das Lied wurde in der Schweiz mal die Todesstrafe ausgesetzt, weil wenn das Soldaten gesungen haben, haben Sie so doll Heimweh bekommen, dass sie nicht mehr fähig waren, was zu tun und dann wurde es verboten“, erzählt Lena.

Ob sich Les Enfants Sauvages nur eine Lebensabschnittsformation bleiben wird oder zu einem Kollektiv erwächst, wird die Zeit zeigen. Die breitgefächerten Skills der Band sind schon in ihren anderen Projekten (Lena: Nymphatamin, Amelie: All was well, Axel: Olivinn, Marten: Loopmilla) zu hören und finden nun gemeinsam eine gute Harmonie. Zu empfehlen ist also, ihre Konzerte zu besuchen, solange man kann und zu hören, wie sie aus alten Sachen etwas Neues machen und nicht nur sich selbst, sondern auch ihr Publikum inspirieren. „Halbherzig Musik machen, kenn ich gar nicht“, schließt Marten das Interview und verschwindet in das Innere des Cafés, um mit einem befreundeten Musiker einen Plausch zu halten. Lena und ich sitzen noch einen Moment, genießen die Sonne, bevor auch wir in den Sonntag verschwinden.

Besetzung:
Lena Schmidt – Keys, Voc, Komposition
Amelie Olbrich – Voc
Marten Pankow – Guitar, Electronics
Axel Meier – Drums
Gründungsjahr: September 2017
Online: http://www.lesenfantssauvages.de/
Veröffentlichungen:
Angestrebt wird das Jahr 2019 mit einem Album.
Eine gebastelte Live-CD (wird auf den Konzerten vertickt)

Veröffentlicht in Schreibtraining

Es geht weiter: Mit dem Zug nach Prag

Ich weiß nicht genau, wie ich das Gefühl beschreiben sollte, als ich aufwachte. Ich fühlte mich einfach nicht gut. Meine Augen waren trocken und hatten all ihre Flüssigkeit verloren. Mein Kopf war schwer und wummernd. Irgend etwas fehlte mir. Ich wusste nur nicht was. Noch auf dem kalten Boden liegend, sah ich mich um. Der Raum war dunkel, nur ein kleiner Spalt unter einer Tür ließ Licht in den Raum. Ich konnte mich kaum rühren und etwas drückte mir mit aller Macht auf die Brust. Ein schweres Gefühl, dass mir das Atmen nicht gerade einfach machte. Was sollte ich tun. Das Letzte, was noch im meinem benebelten Kopf zu hören war, war dieser Schrei, dieses Singen, dass mir die Sinne nur beim Gedanken daran gleich wieder vernebelte. Ich schlug erneut mit dem Kopf auf und Dunkelheit umgab mich.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen war, doch irgendwann öffnete ich meine Augen und mich umgab Licht. Ein helles Licht, das meine Augen schmerzen ließ. Sie waren noch immer trocken, so wie mein ganzer Körper es war. Ausgetrocknet von den letzten Minuten, Stunden oder gar Tagen? Ich wusste es nicht. Aber im Gegensatz zum letzten Mal konnte ich mich nun bewegen. Ich stützte mich ab und erhob langsam meinen Oberkörper. Je länger meine Augen geöffnet waren, desto besser konnte ich das Licht ertragen, dass irgendwann nicht mehr brannte. Ich nahm Konturen wahr. Einen Schrank, eine grüne Topfpflanze und ein Glas Wasser, das neben mir auf dem Boden stand. Wo war ich nur. Der ganze Raum war erleuchtet, man könnte sogar grell sagen, aber ich konnte keine Lichtquelle ausmachen. Weder ein Fenster, noch eine Kerze oder Lampe an der Decke. Ich zog meinen Körper zu dem Glas, meine Beine waren wie taub. Es schien, als ob meine untere Körperhälfte noch schlief, noch nicht die Kraft hatte mich zu halten. Aber ich hatte Durst. Meine Kehle war trocken, meine Augen brannten und selbst meine Haut fühlte sich spröde an. Also griff ich mit der Kraft, die ich hatte, nach dem Glas und konnte es kaum glauben. Da war nichts. Wie ein durch Hologramm griff ich hindurch. Während ich immer wieder versuchte das Glas zu packen, ertönte bei jedem Griff ein kleines Surren, so als würde ich eine elektrische Verbindung kappen. Nein. Nein. Nein. Das konnte nicht wahr sein. Ich griff erneut zu, doch bis auf das Surren, gab es keine Reaktion. Tränen schossen mir in die Augen, Panik machte sich in meinem Kopf breit und krampfte sich mit vollster Kraft um mein Herz. Was sollte ich nur tun. Es dauerte einige Zeit, doch ich beruhigte mich. Mein Atmen wurde wieder flacher, ich wischte mir mit dem Handrücken die salzigen Spuren vom Gesicht und setzte mich. Meine Beine waren noch immer taub. Mein Kopf aber wieder klar und hellwach. Ich blickte mich um. Ein Raum hell, doch ohne Licht. Ein Schrank, eine Topfpflanze und ein Glas Wasser, das keines war. Wo war ich? Mir war bewusst, dass die Alte aus dem Café eine tragende Rolle bei dem Szenario hatte. Ihre stumpfe Gestalt erschien mir vor Augen. Der Gesang klang mir in den Ohren und die Frau am Nachbartisch blitzte auf. Was hatte ich getan, dass ich auf einmal hier war. Womit hatte ich ihre Aufmerksamkeit erregt. Oder waren sie es vielleicht am Ende doch nicht?

„Können Sie sich hinstellen?“ Eine weiche Frauenstimme erklang, aber kein Körper. Ich war irritiert. Aus meinen Gedanken gerissen, versuchte ich die Tonquelle auszumachen. „Können Sie aufstehen“, wiederholte die gesichtslose Frauenstimme. Ich versuchte meine Beine zu bewegen. Erfolglos. „Nein. Wo sind sie? Wo bin ich? Was soll das hier?“ Es blieb stumm. Plötzlich öffnete sich die sonst öffnungslose Wand. Die Frau aus dem Café stand da. Nicht die Alte, sondern die mit den roten Haaren. Ihre Augen waren nun nicht mehr mit einer Brille verborgen, sondern sie schimmerten mich in einem unbeschreiblichen Smaragdgrün an. Sie lächelte, hielt ein Glas Wasser in der einen und ein Stück Brot in der anderen Hand. Sie stellte es dicht neben das Hologramm und verschwand wieder. Ich war wie erstarrt. Es dauerte einige Augenblicke bis ich mich gesammelt hatte. Was war hier los, was war mit mir los. Warum hatte ich sie nicht gefragt, was hier los war. Ich blickte auf das Stück Brot und das Wasser. In diesem Moment war es mir egal, ich wollte nur meinen Durst und meinen Hunger stillen. Wollte wieder zu Kräften kommen und danach versuchen mein Gefängnis aus weißem Licht zu verlassen. Ich packte nach dem Brot und schlang es im Wechsel mit dem Wasser herunter. Ich aß so schnell, dass ich kurzzeitig würgen musste, da mein Körper die Nahrung nicht so schnell aufnehmen konnte. Irgendwann hatte ich alles hinunter geschlungen und viel satt zurück auf den Boden. Ich hatte geschlungen, gar gefressen und nicht einen Tropfen oder ein Stück Brot zurück gelassen. Vielleicht hätte ich es mir doch eher einteilen sollen. Ich schlummerte ein.

Meine Augen schlugen auf. Wieder war ich woanders. In einem Hotelzimmer? In einem Hotelzimmer mit Blümchentapete. Ich blickte mich um, schaute an mir herunter und fand mich im Bett liegend vor, zugedeckt mit einer ebenfalls geblümten Decke. Ich bewegte mich, es ging alles ohne große Mühe. Mein Kopf schmerzte zwar noch etwas, aber ich konnte mich bewegen. Ich strampelte mich aus der Decke und sprang aus dem Bett. Ich schaute mich weiter um: ein ganz normales Zimmer. Ein Bett für eine Person, ein Schrank, ein Nachttisch und eine Tür, die, wie ich nach meiner Inspektion feststellte, ins eigene kleine Bad mit Dusche und Toilette führte. Es gab auch eine Tür, die es mir erlaubte das Zimmer zu verlassen. Ich griff nach dem Drücker und zog sie auf. Es ging. Mein Kopf wurde überflutet von Gefühlen, von Empfindungen, die Euphorie und Erleichterung schrien. Ich streckte meinen Kopf vorsichtig durch einen Spalt, schließlich wusste ich nicht, was auf der anderen Seite zu finden war. Ich blickte also hinaus: ein Flur. Nicht mehr und nicht weniger. Gegenüber öffnete sich eine Tür. Ich starrte sie an und den Mann, der sie öffnete. Er was groß, trug einen Bart und schaute mich etwas verwirrt an. „Ist bei ihnen alles in Ordnung?“ Ich merkte wie ich zu schwitzen begann und meine Wangen sich rot verfärbten. „Ähm“, war alles was ich heraus bekam, dann zog ich meinen Kopf zurück ins Zimmer, schlug die Tür zu, drehte mich um und rutschte mit meinem Rücken an ihr herunter. „Was zum Teufel geht hier vor?“

Der Anfang

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A.B. Exner: Schriftsteller mit Phantasie

Der erste Roman von A.B. Exner „Es war keine wirkliche Insel“ zählt in der Auffassung des Schriftstellers nicht wirklich zu seinen Werken. Eine Geschichte über die Leidenswege von Kriminalisten, die nirgends ihre Ruhe finden, noch nicht mal in der Rente. Eine Freundin bezeichnete dieses erste Werk mit dem Satz: „Es ist mehr Potential als Fehler drin sind.“ Es war ein Ausprobieren, welches Andreas Grylla aka A.B. Exner dazu brachte, weiter zu schreiben. Es folgten drei Veröffentlichungen. 

„An diesem Abend erzählte Bert mir nichts mehr von Vera und Dirk. Ich fragte ihn nach der Zukunft. Er streichelte die Narbe an seinem linken Handgelenk. Er sagte, dass er sich bald um seine Vergangenheit kümmern müsse.“ (A.B. Exner: Spätes Opfer)

Der Krimi „Spätes Opfer“ erzählt die Geschichte von Bert Klose, der aus der DDR nach Niedersachsen durch einen Zufall flieht und bei dem Kriminalisten Reginald Hübler in einem fiktiven Dorf landet. Es ist zugleich das aktuelle Buch von A.B. Exner – dem Wahl-Rostocker aus Berlin. „Ich habe immer für mich geschrieben. Durch Zufall habe ich irgendwann Max Heckel kennengelernt, der mit Prosodia seinen eigenen Verlag hat.“ Heckel wollte mit Exner arbeiten und übernahm die Veröffentlichung, das Lektorat und das Korrektorat für ‚Spätes Opfer‘. Gemeinsam haben sie dann 2016 ein Crowdfunding-Projekt bei startnext.de angeschoben und genug Geld zusammengetragen, um das Buch nicht nur online, sondern auch in den Druck zu bringen. Folgen sollen „Traurige Strände“ (Krimi), „Kollateraldesaster“ (Thriller) und „Die Bürde des Wissens“, die aktuell noch in Überarbeitung sind.

Andreas Grylla schreibt unter dem Namen A.B. Exner. Das ‚B‘ steht dabei für seine Frau Berta.

Das Schreiben ist dabei die Therapie Exners. Und das Einzige, was nebenbei auf seinem PC erscheint, ist Google Maps. „Ich möchte den Lesern die Möglichkeit geben, die Bücher auch örtlich verfolgen zu können.“ In seinem Thriller „Kollateraldesaster“ findet man nicht nur örtliche Spuren, sondern auch eine Abrechnung mit seiner eigenen Historie. Sprengen, schießen, fahren eines Schützenpanzers und das als Zugführer der NVA von 1983 bis 89 in Rostock. „Ich bin heilfroh, dass ich das nie anwenden musste. Und ich glaube, dadurch dass ich das einmal komplett runter geschrieben habe, hat sich meine eigene Rückschau bereinigt.“ In seinen Büchern findet man stets einen Bezug zur DDR und seiner Geschichte. Exner ist Anfang der 1980er nach Rostock gekommen. Seine Frau hat er dann über einen Kollegen kennengelernt und aus Magdeburg ebenfalls hergebracht. Sie steht übrigens für das ‚B‘ in seinem Namen. Das ist nun mehr als 30 Jahre her. „In den Büchern findet man auch einiges über meinen Sprachgebrauch. Ich bin jemand, der kurz kommuniziert. Ich arbeite mit Fragen. Man erkennt als Leser mein Verhältnis für Harmonie, dass ich sehr gerne lebe, wie auch Fairness und Gerechtigkeit. Also alles, was die AFD nicht macht.“

Zwischen 1993 bis 2012 hat Exner nicht geschrieben. Er hat zwei Kinder bekommen, als Dozent für die Hotel und Wirtschaftsschule Rostock GmbH gearbeitet und das Segelschiff Santa Barbara Anna für sich als Hobby entdeckt. Als Mitglied der ersten Stunde hat er das Schiff von Joey Kelly (Eigner) ehrenamtlich im Verein Bramshot seit neunzehn Jahren begleitet. Der Verein hält mit dem Schiff das maritime Erbe am Leben und fährt immer wieder quer durch die Ostsee. „Da ich ja Kommunikation unterrichte, ist jeder Tag an Board für mich auch eine Sozialstudie.“ Ein großer Vorteil bei der Pflege des Seglers ist sein anderes Hobby. Bereits als 13-Jähriger bekam Exner das Tauchen beigebracht, was ihn bis heute verfolgt. „Ich gehe entweder unter der Santa Barbara Anna, in der Wohlenberger Wiek bei Wismar oder in Nienhagen ins Wasser.“ In seiner Zeit in Rostock kam ihm jedoch nie der Gedanke, die Stadt wieder zu verlassen. „Was ich hier mag, ist, dass es zwischen jedem Stadtteil Grün gibt.“

In seinem aktuellen Roman „Spätes Opfer“ findet man Photographien zu den Protagonisten. Die Bilder der Figur Vera stammen von seiner bereits verstorbenen Mutter.

Was man noch über A.B. Exner wissen sollte:

1. Er ist ein fanatischer Doppelkopfspieler.
2. Er hat ein Faibel für Aphorismen: „Ich bin nicht verkehrt, nur weil ich anders bin!“
3. Er hat als Jugendlicher in dem Fernsehfilm „Ich will nach Hause“ (1980) gespielt.
4. Er ist über Wolfgangs Landgrafs „Wie Vögel im Käfig“ zum Lesen und Schreiben gekommen.
5. Er schreibt wie Ernest Hemingway im Stehen, um seine Pausen einzuhalten.
6. Er sieht den größten Mangel unserer Gesellschaft in der fehlenden Bildung.

 

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Die Kunsthalle Rostock

In den letzten Jahren sind mehrere tausend Menschen durch die Kunsthalle in Rostock gelaufen und haben sich die Bilder, Skulpturen und Installationen angeschaut. 2016 waren es sogar über 70.000 Besucher. Das soll sich nicht ändern und deswegen entsteht direkt neben der Kunsthalle ein 11.000 Quadratmeter großer Kasten, der Kunst auf neue Weise in Szene setzen soll. Das Schaudepot soll das Gesamtkonzept vervollständigen und wurde bereits in den 1960er Jahren vom Architekten Hans Fleischhauer im Grunde geplant. Ein separates Gebäude, welches den Kunstbestand der Stadt ins richtige Licht rückt. Am 13. Mai 2017 fand symbolisch die Grundsteinlegung für den knapp 4,5 Millionen Euro teuren und imposanter Bau statt. Mit der geplanten Eröffnung im Herbst 2018 wird eine Überführung die Besucher vom Hauptgebäude in den neuen Anbau führen. Im nächsten Jahr feiert das Museum zudem 50. Geburtstag und wird den Anlass nutzen, auch den Rest des Hauses neu erstrahlen zu lassen. Im Sommer 2019 wird das Hauptgebäude geschlossen und saniert.

Die Elektroanlage und die Heizung müssen neu gemacht werden, und das bedeutet eine Schließung. Wir werden Außenstandorte suchen und mehr in die Parkanlagen gehen. Natürlich werden wir auch das Schaudepot für Ausstellungen nutzen“, erzählt Uwe Neumann.

Am Schwanenteich soll zu Ehren des DDR-Künstlers Günther Uecker ein Schaukasten entstehen. Dieser fand zunächst nur wenig Anklang bei den Bewohnern von Reutershagen. Wie es aber immer so ist: Reden hilft. Die Wünsche des Ortsbeirates Reutershagen wurde in die Planung mit aufgenommen, die ersten Spenden sind auch schon geflossen und so sind die Würfel noch nicht endgültig gefallen. Der Uecker-Kasten soll halb unterirdisch sein und sich kaum merklich in die Landschaft des Schwanenteiches mit einbetten.

 

„Ship of Tolerance“: Ilya und Emilia Kabakov vereinen die Kulturen

Das „Ship of Tolerance“ wird am 19. Mai in Rostock ankern und parallel unter dem Titel „Two Times“ die Werke von Ilya und Emilia Kabakov in den Räumen der Kunsthalle präsentieren.

„Wir fühlen uns sehr geehrt, dass wir das erste Mal dieses Schiff in Rostock haben. Es wird komplett in der Stadt gebaut, und nicht her gefahren.“

Die Grundidee kommt von dem in New York lebenden russischen Kabakovs. Mit demTeilhabe-Projekt will das Künstler-Ehepaar Menschen verschiedener Kontinente, Kulturen und Identitäten miteinander verbinden. Freiwillige Helfer lassen das Schiff gemeinsam im Rostocker Hafen entstehen.

„Bisher sind die einzelnen achthundert Segel unter anderem von Schulen, Sportlern und Vereinen gestaltet worden. Hundertzwanzig sind für das Schiff und der Rest wird an ausgewählten Häusern in der Stadt gezeigt. Es soll Rostock als eine weltoffene und tolerante Stadt präsentieren. Ich freue mich, dass wir dieses Projekt nach Rostock und damit das erste Mal nach Deutschland bekommen haben. Die Kabakovs sind Weltkünstler, die letztes Jahr an der „Tate Modern“ Galerie in London ausgestellt haben. Dieses Jahr haben sie in der „Eremitage“ in Sankt Petersburg und in der „Tretjakow – Galerie“ in Moskau Ausstellungen. Wir sind somit mit den ganz großen Museen zusammen auf einer Liste. Ein ziemliches Highlight auch für 800-Jahre-Rostock. Emilia wird auch in die Hansestadt kommen, mit uns die Ausstellung einrichten und bei der Eröffnung des Schiffs mit dabei sein.“

Vom „Stadtbild HRO“ zu den „Blumengrüßen aus Russland“

Neben den Konzeptkünstlern sollte man auch die Ausstellung „Blumengrüße aus Russland“ (26. April – 13. Mai 2018) besuchen. Die Bilder des in Moskau und Bern lebenden Künstlers vereinen vom Realismus bis zum Expressionismus eine große Spannweite der Kunsttechniken.

„Die Ausstellung ‘Blumengrüße aus Russland‘ stammt von dem jungen russischen Künstler Alexander Doll, der unter anderem auch 2014 eine Briefmarke für Sotschi [Olympische Winterspiele] gemacht hat. Seine Arbeiten sind sehr floral und für mich ist es eine Herzensangelegenheit ihn zu präsentieren. Mir ist es wichtig, dass wir gute Beziehungen zu Russland haben und die Kunst ist eine Möglichkeit, fernab von den politischen Verwerfungen, menschlichen Austausch zu schaffen. Es ist wichtig, dass man diesen behält. Es werden zu den Bildern auch Düfte mit inszeniert und bringen so die Besucher auf eine neue Ebene der Wahrnehmung“, erzählt Uwe Neumann.

Die parallel laufende Ausstellung „Stadtbild HRO“ (18. April bis 3. Juni 2018) wird Werke aus der Sammlung der Kunsthalle zeigen. Ein Blick auf Rostock durch die Augen von unterschiedlichen Künstlern. Das Ganze findet in einen Austausch mit zeitgenössischen Arbeiten statt und zeigt im Rahmen von 800-Jahren-Rostock, was diese Stadt ausmacht.

Mit Workshops durch die Augen von Künstlern blicken

Durch die Augen von Künstlern schauen, heißt auch Kunst selber anzuwenden. Diese Möglichkeit bietet das Haus gerne an. So finden zu der aktuellen Ausstellung „Erich Kissing und Kerstin“ oder auch „Der Maler und das Modell“ Kurse zum Aktzeichnen und zur Porträtfotografie statt.

„Wir haben auch den Kinderkunstclub, der alle 14 Tage an einem Sonntag stattfindet. Der ist für 2 bis 4-Jährige und wird sehr gut angenommen. Mit zwei Gymnasien in Rostock haben wir zudem so eine Art Patenschaft. Das heißt die Schüler schauen sich im Vorfeld die Ausstellungen an und arbeiten sich in das Thema rein. Im Anschluss führen sie dann unsere Besucher durch die Ausstellung. Sie sind die sogenannten ‚Kunstkenner‘. Eine schöne Sache um Menschen intensiv ans Haus zu binden.“

Die Ausstellung „Rostock kreativ“ findet zum neunten Mal in Zusammenarbeit mit der Ostsee-Zeitung statt. Vom 29. März bis 8. April können mehr als 600 Bilder im Erdgeschoss betrachtet werden. Die Ausstellung ist für jedermann geöffnet, ob Maler, Bildhauer oder Videokünstler – sie können jedes Jahr ihre Werke abgeben.

Anmerkung:

Aktuell ist der Weg zur Kunsthalle beschränkt. Bis Sommer 2018 soll an der Hamburger Straße gebaut werden, wodurch Besucher von außerhalb schlecht den Weg zum Haus finden. Also ein Tipp von uns: Einfach am Bahnhof parken, wenn sie von außerhalb kommen, und ein Tagesticket am Automaten ziehen. Dann mit der Straßenbahnlinie 2 oder 5 bis zur Kunsthalle durchfahren. Und auf dem Rückweg können sie noch einen kleinen Stopp in der Stadt machen und ein bisschen Sightseeing genießen. 

 

Veröffentlicht in 0381-Magazin

Antispielismus: Mehr als Musik ;)

Die Gründungsgeschichte von Antispielismus liegt irgendwo zwischen 2006 und 2008 in Rostock. Damals hatten Sänger Sergiy und Marten, der heute bei der Rostocker Hip Hop Formation Loopmilla spielt, einen Proberaum im Käthe Kollwitz Gymnasium und den Traum gemeinsam Musik zu machen. An ihrer Seite standen Georg und Arne, die mittlerweile aus dem Musikbusiness raus sind. Heute besteht die Band aus 20 bis 30 Menschen. Warum das so ist? Antispielismus sind mehr als Musik. Sie sind Freunde, Familie und Menschen, die den Raum dekorieren, während Sergiy, Daniel und Co. als Musiker auf der Bühne aufbauen. Am 16. Februar soll es im Peter-Weiss-Haus wieder soweit sein. Als Special Guest der Berliner Band Budzillus werden sie mit „neuen“ Songs auf die Bühne gehen.

@Antispielismus

Ihr letztes Album „Einer von uns“ (2013) thematisierte Politik, Liebe und soziale Ungerechtigkeiten. Stellt sich die Frage, wann das nächste Werk erscheint. „In letzter Zeit spielen wir auf Konzerten fast nur noch neue Songs“, kommentiert Sergiy den Umstand. „Es ist in den letzten Jahren viel passiert. Unser Bassist Joe ist gestorben, was uns alle mitgenommen hat. Die Welt war durch die Flüchtlingswelle ziemlich in Aufruhr. Und das beeinflusst uns natürlich. Ich schreibe bei uns hauptsächlich die Texte und die Band macht sie dann schick. Die Songs für das neue Album klingen insgesamt optimistisch ernst. Ernste Texte treffen auf lustige und sehr tanzbare Musik. Das ist auch letztlich das, was ich mag. Die Kontraste, die man durch Musik schaffen kann.“

Neues Album mit Distemper Records

Im April soll es für die Aufnahmen ins Studio von Peter Schade (In House Technician M.A.U.- Club Rostock) gehen. Zum Mastering geht es weiter nach Moskau zu „Distemper Records“. Die sogenannten „Götter des Ska-Punk“ sollen für Antispielismus das Album nicht nur „glatt“ ziehen, sondern auch ein Feature mit Sänger Dazent und Saxophonist Sergiy von Distemper einspielen. Bereits im September 2017 haben sie mit den Russen zusammen im JAZ gespielt. Für 2018 ist voraussichtlich wieder ein Gig geplant. „Es gibt noch 3-4 Titel, die wir verfeinern müssen. Gesellschaftskritische Themen kommen auf den Tisch und ich glaube, es gibt nur zwei Songs über Liebe. Wir wollen mit unserer Musik das ansprechen, was wir auf den Straßen sehen und was wir fühlen. Sollen doch die anderen rein fröhliche Musik machen.“

Nicht nur Unterhaltung steht auf dem Zettel, sondern auch Aufklärung und Engagement über ihre Musik hinaus. Angefangen mit einem Rostocker Straßenkonzert 2016 während der Flüchtlingswelle. Damals spielten sie rund 850 Euro ein und gaben das Geld an die Organisation „Rostock hilft!“ weiter. Ein weiteres Beispiel: Ihr Auftritt beim Festival „Wasted in Jarmen“ unter der Schirmherrschaft von Feine Sahne Fischfilet, um den Rechtsextremismus in der Gesellschaft den musikalischen Mittelfinger zu zeigen. Dabei solltet ihr nicht denken, dass Antispielismus Klischee-Punks sind. „Ganz ehrlich, was ist schon Punk? Die bettelnden Punker vorm REWE sind es jedenfalls nicht. Für mich ist Punk sein, unabhängig zu sein und das bist du nicht, wenn du andere um Geld bittest. Wir haben das in unserem Song „Anti“ (2013) auch thematisiert. Er beschreibt einfach das Verständnis von frei sein.“

Antispielismus: Eine große Familie mit vielen Instrumenten

Die letzten drei Jahre waren eine sehr intensive Zeit, die bei Antispielismus auch mit Besetzungswechseln einher gingen. „Wir suchten lange einen Nachfolger für Joe. Eine Zeit lang spielte Lisa von The Hoodoo Two bei uns. Was zeitlich aber irgendwann nicht mehr passte. Dann kam Rouven von der Hochschule für Musik und Theater. Der hat musikalisch eine Menge drauf, hat aber zu Antispielismus und unserem Lebensstil nicht so richtig gefunden. Und irgendwann kam dann Mattu. Er ist jetzt seit circa drei Jahren bei uns und das passt menschlich einfach super. Antispielismus ist wie eine große Familie und er war das Puzzle, das irgendwie gefehlt hat. Das einzige Problem ist, dass er in Berlin wohnt. Somit ist er nicht regelmäßig bei den Proben dabei. Lustigerweise probt dann Lisa mit uns. Sie kann halt irgendwie nicht von uns lassen.“ Auch an den Drums gab es einen Wechsel, Jörg wurde von Marc ersetzt, der ebenfalls bei den Terrifying High Clouds spielt. „Henning kommt noch dazu. Der spielt seit drei Jahren Irish Bouzouki und das Akkordeon und hat uns ganz schön verändert. Unser Sound ist viel breiter geworden. Wir hören uns an wie eine fette Wand. Wir sind glaube ich in Rostock auch eine der Bands, die mit den meisten Musikern auf der Bühne stehen. Wir sind eigentlich vielmehr schon ein Orchester.“

@Antispielismus