MINNETRONICS – EIN SPARTENÜBERGREIFENDER ABEND

JAN 2015 – 0381-Magazin

Am Volkstheater ist etwas Neues und Seltenes entstanden. Ein Ensemble aus Schauspielern, Tänzern und Musikern unter der Regie von Amina Gusner hat sich zusammengefunden und das mittelalterliche Rostocker Liederbuch modern auf die Bühne gebracht.

Ein Wummern geht durch den Saal, monotone Beats treffen auf mittelalterlichen Gesang. Ein Stöhnen erfüllt den Raum und futuristisches Flackern belebt das Auge des Zuschauer. Die Musik treibt, drückt und fordert jede Aufmerksamkeit. Sie regt die Phantasie an, dem Schauspiel vor einem zu folgen und die Akteure keinen Moment aus den Augen zu lassen.

Wir sind im Großen Haus des Volkstheaters und vor uns wird die Bühne vom spartenübergreifenden Stück „Minnetronics – Der Ritter und die Stripperin“ erfüllt. Minne trifft Electronics. Mann trifft Frau. Tanz trifft Schauspiel. Gesang trifft Sound. Amina Gusner hat diesen Abend inszeniert, Regie geführt und das Stück dazu geschrieben. Als Vorlage diente das Rostocker Liederbuch, welches 51 Werke beinhaltet.

Die Melodien und Texte des vor 100 Jahren vom Archivar Bruno Claußen in der Rostocker Universitätsbibliothek entdeckten Werkes behandeln Themen wie Liebe, Abschied und Sehnsucht. Intendant Sewan Latchinian interessierte eine moderne Darstellung der Inhalte und des Minnesangs und engagierte Amina Gusner. Entstanden ist eine Inszenierung, welche mit Kontrasten der Gesellschaft fast überspitzt arbeitet.

Auf der einen Seite der fliehende, studierte und zeitreisende Ritter, welcher Bindungsängste hat und mit den Erwartungshaltungen der Frauen mehr als überfordert ist, obwohl er gerne mit ihnen „verschmelzen“ würde. Ihm gegenüber steht die Stripperin, welche kaputt und vom Leben gezeichnet die größten Träume von Liebe in sich trägt.
Das Stück katapultiert Nachtgestalten auf die Bühne, welche, wie die Regisseurin sagte, „in den Kosmos geschissen wurden, ohne genau zu wissen, wo sie eigentlich hin leben sollen.“ Es ist die Sehnsucht nach Liebe, Gesundheit und Vollkommenheit, die jeder kennt und irgendwo erhofft. Die Akteure springen in der Zeit und einzelne Splitter werden einem geboten. Eine wild erzählte Geschichte, welche mit archetypischen Gefühlen spielt, Spannung aufbaut und den Zuschauer da mitnimmt, wo ein verbundenes Gefühl einsetzt. Absurde Momente werden durch die enormen schauspielerischen Fähigkeiten der Hauptprotagonisten Till Demuth als Ritter und Inga Wolf als Stripperin hervorgehoben und realistisch fühlbar gemacht. Immer wieder wird man zum Spiel auf der Bühne gezogen und findet sich selbst in einzelnen Momenten. Man spürt regelrecht, wie die Chemie zwischen den Schauspielern und Tänzerinnen Natalie Brockmann und Larissa Potapov knistert.

Leichtfüßig und gefühlvoll tanzen sie zur Musik von Can „Khan“ Oral, der von Amina Gusner eingeladen wurde, um einen Sound zu schaffen, welcher die Sehnsucht, das Düstere und Finstere des Mittelalters in unsere Zeit holt. Entstanden ist ein Soundclash, welcher live bei den Proben eingespielt wurde und das Thema modern verarbeitet. Plastik, Neon und Kühle, wie es auch auf der Bühne durch die minimalistische Gestaltung zu finden ist.
Man könnte fast meinen, ein elektronisches Klischee wurde verarbeitet. Jeder Song spielt mit seiner eigenen Dramaturgie und erschafft einen dreidimensionalen Raum, welcher nicht zuletzt mit der Phantasie des Hörenden agiert. Nie verlässt „Khan“ dabei seine elektronische Ebene, sondern taucht sogar noch tiefer ein. Man erwartet keine Schalmeien, Zittern oder Orgelklänge, das wäre sogar unpassend. Viel eher sucht man den nächsten frickligen Sound, der durch den Gehörgang jagt. Er arbeitete mit einem Vocoder und steuerte so die in der musikalischen Dramaturgie eingesetzten Synthies.

Ein kaum wahrnehmbares, aber unersetzliches Element sind die so genannten „Defeat Recordings“. Tonspuren, welche Sexfetische erklingen lassen. Männer, die sich in Zügen sexuell erleichtern oder in U-Bahn Stationen ihrer Lust hingeben, das Rattern von Rädern auf Gleisen oder das Stöhnen einer Frau. Die Audiospuren wurden von Onlinevideos gelöst und in seine Musik eingebaut.

Obendrauf erklingt die minneartige Stimme von Johannes Meißner und verbindet die Melodiesprache des Rostocker Liederbuches mit den neuen Klängen unserer Zeit. Die Musik pulsiert durch die Adern und straighte Rhythmen bleiben irgendwo zwischen Herz und Lunge stecken. Ein großes Ganzes entsteht und plötzlich sitzt man in Mitten des Gefühlschaos unserer Zeit.

Nächste Aufführung am 11. März 2015

ANTJE BENDA

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