Geht auch ohne: Plastikfreie Stadt

Der NABU berichtet, dass mehr als zehn Millionen Tonnen Abfälle jährlich in die Ozeane gelangen. Ein großer Teil davon ist Plastik. Die Unternehmensinitiative „Plastikfreie Stadt“ nimmt sich seit 2019 dem Problem Einwegplastik in Rostock an. Nach den ersten Erfolgen will das Projekt weitere Unternehmen für sein Handeln gewinnen. Gemeinsam mit der Stadtverwaltung der Hansestadt Rostock starteten sie die Plakat-Kampagne „Geht auch ohne“ und präsentieren sich einer breiteren Öffentlichkeit. Ihr Engagement wurde bereits von RENN (Regionale Netzstellen Nachhaltigkeitsstrategien)und RNE (Rat für Nachhaltige Entwicklung) zum Nachhaltigkeitsprojekt 2020 ausgezeichnet. Die „Plastikfreie Stadt“ zeigt pionierhaft, dass sie nicht warten möchte.

Es ist Wochenende und die Sonne scheint dir ins Gesicht. Du sitzt in einem Park und genießt das Kommen und Gehen der Menschen, ließt ein Buch und greifst zu einer Plastik-Flasche gefüllt mit kühler Brause. Die Flüssigkeit rinnt deine Kehle herunter und erfrischt dich. Zeitgleich machen sich viele kleine Weichmacher aus der Plastikflasche über deine Haut und die Brause auf den Weg in deinen Körper. Das ist nicht neu. Mittlerweile sollen mehr als 90 Prozent der Weltbevölkerung diese Weichmacher im Blut haben. Aufgenommen durch die Luft, durch unser Essen oder eben durch das bloße Anfassen von Plastik. Was das zur Folge hat, hat die Forschung noch nicht ganz raus bekommen. Es wird aber vermutet, dass unsere Hormone durch diese kleinen Kerlchen durcheinander gebracht werden, sie eventuell Krebs auslösen und dafür sorgen, dass das ein oder andere Spermium nicht weiß, wo es hin gleiten soll. Unterm Strich also Verursacher eines großen Chaos. Darüber hinaus wird unsere Umwelt ebenfalls geschädigt. Vögel benutzen Plastik, um ihre Nester zu bauen und erdrosseln sich zum Teil selbst damit. Fische verfangen sich in den Meeren mit Plastik oder nehmen es als Nahrung auf. Die Anzahl an Negativbeispielen ist groß.

Ein normales Bild: Die Basstölpel auf der Insel Helgoland bauen ihre Nester zu 95 Prozent aus Plastik, da sie die Schnüre mit Algen verwechseln. Nicht selten erwürgen sie sich selbst in dem Plastikmüll.
Ein normales Bild: Die Basstölpel auf der Insel Helgoland bauen ihre Nester zu 95 Prozent aus Plastik, da sie die Schnüre mit Algen verwechseln. Nicht selten erwürgen sie sich selbst in dem Plastikmüll.

Plastik-Konsum Minus 10 Prozent

Einige von euch sagen vielleicht, dass sich alles schon von selbst erledigt. Schließlich werden wir durch Plastik unfruchtbar oder kriegen Krebs. Wir eliminieren uns also einfach selbst. Auf der anderen Seite stehen vielleicht andere, die meinen, dass es uns und unserer Umwelt besser zu Gesicht stehen würde, wenn wir versuchen den Konsum und die Produktion von Plastik zu reduzieren, alternative und umweltfreundliche Stoffe finden, die Plastik ersetzen und am Ende gar ganz darauf verzichten. Ich denke, letzteres sollte umgesetzt werden. Samuel Drews ging 2019 mit seinem Unternehmen Rost Dock den ersten Schritt in Richtung dieser Zukunft. Zusammen mit dem Radisson Blu Hotel, der Rostocker Großmarkt GmbH, Möbelhaus Wikinger, dem Café de jar ma und dem Verein fint – Gemeinsam Wandel gestalten e. V. setzte er den Startpunkt für die Unternehmens-Initiative „Plastikfreie Stadt“ in Rostock. Ihr Ziel ist klar definiert: Um die symbolische Anerkennung eines Siegels zu erhalten, müssen die Unternehmen ihren Einwegplastik-Konsum um mindestens 10 Prozent reduzieren. Das scheint im ersten Augenblick recht wenig, doch wenn ihr bedenkt, dass sich in fast allen Produkten heute Plastik befindet, ist das schon eine ziemliche Leistung und eine erste Motivationsspritze weiter zu machen. Insgesamt kann sich ein Unternehmen bis zu drei Sterne für ihr Siegel erarbeiten. Stufe eins liegt bei 10 Prozent, Stufe zwei hat 50 Prozent und die dritte Stufe bedeutet, dass glatte 80 Prozent des Einwegplastik weggefallen sind. Erste Erfolge sind schon zu verzeichnen: Die Unternehmen aus 2019 konnten 20 Prozent ihres Einwegplastikverbrauchs reduzieren. Dazu hat das Radisson Blu Hotel zum Beispiel die kleinen Plastik-Päckchen von der Nuss-Nugat-Creme oder der Marmelade am Buffet weggelassen und stellt satt dessen jetzt Gläser hin. Das Rost Dock lässt bei Getränkelieferungen die Einwegfolien weg, die für die Stabilität um die Euro-Paletten gewickelt wird, und ersetzt sie unter anderem durch einfache Seile. Wie ihr seht, es gibt Mittel und Wege.

Auch in 2020 haben sich trotz der Corona-Pandemie Unternehmen gefunden, die das Verfahren „Plastikfreie Stadt“ durchlaufen wollen. Mit dabei sind das Ingenieurbüro INROS Lackner, die Stadtentsorgung Rostock, Optiker Blickkontakt, die px Media GmbH, der Unverpacktladen Green Goldie, Zirkus Fantasia und der Ratskeller. Sie durchlaufen zunächst eine Selbstanalyse, um herauszufinden, wo sie konkret sparen können und wie hoch ihr Einwegplastikverbrauch überhaupt ist. Dazu erhalten sie verschiedene Instrumente: ein Tool zur einfachen Erfassung und Messung des Einwegplastikaufkommens, Ansprechpartner in Partnerunternehmen für den Erfassungsaustausch sowie ein Tool für die Öffentlichkeitsarbeit. Mit Hilfe der Initiative wird den Unternehmen also gezeigt, was sie künftig anders machen können. Danach ist ganz viel Eigenengagement gefragt, weil ohne das geht eine „Plastikfreie Stadt“ einfach nicht.

Das Ingenieurbüro INROS Lackner ist eines der Unternehmen, die aktuell den Einwegplastikverbrauch in ihrem Unternehmen erfassen und Möglichkeiten zur Reduzierung suchen. Hier übergibt ein Fahrradkurier von der „Cykelbude“ Rostock das Plastikfrei-Siegel an den Geschäftsführenden Direktor Ingo Aschmann (Juni 2020). Foto: Emiliano Leonardi

Plakat-Kampagne: Geht auch ohne

Eva Mahnke, die über den Verein fint – Gemeinsam Wandel gestalten e.V. die „Plastikfreie Stadt“ organisatorisch betreut, sagte in einem Telefonat, dass sich die Initiative zu Beginn vor allem durch Mundpropaganda einen Namen machte und interessierte Unternehmen fand. In der nun zweiten Phase wollen die Organisatoren eine größere Zielgruppe erreichen und mit der Plakat-Kampagne „Geht auch ohne“, die seit August 2020 läuft, den nächsten Schritt gehen. Zudem wollen sie ein Pfandbechersystem für Coffee-to-go Mehrwegbecher gemeinsam mit Rostocker Unternehmen aufbauen. Die Stadtverwaltung unterstützt sowohl das Recup-Projekt als auch die Plakat-Kampagne finanziell. „In der Vergangenheit hat die Stadtverwaltung bereits zahlreiche Maßnahmen und Aktionen durchgeführt, um das Rostocker Müllaufkommen zu reduzieren. Als Stadtverwaltung allein ist diese Aufgabe aber nicht zu lösen“, kommentierte Holger Matthäus (Senator für Infrastruktur, Umwelt und Bau) die Zusammenarbeit. „Das Umweltbewusstsein muss sich entwickeln und gelebt werden. Darum sind wir auf Initiativen aus der Stadtgesellschaft angewiesen und sehr dankbar dafür. Ich rufe die Unternehmer unserer Stadt auf, sich an der Aktion zu beteiligen und ihren Beitrag zur Vermeidung von Einwegplastik und für mehr Sauberkeit in der Stadt zu leisten.“ (Quelle: Pressemitteilung der Hansestadt Rostock zur Kampagne)

Wie ihr seht, es tut sich was in Rostock. Die „Plastikfreie Stadt“ möchte zudem wachsen. Eine Ausweitung auf andere Städte in Norddeutschland ist bereits in Planung. Anvisiert sind die Hansestädte Hamburg und Bremen, die beide bereits aktiv bei dem Projekt der Umweltpartnerschaft sind. So sind in Hamburg unter anderem gemeinsame Workshops zu den Themen angedacht. Und wie könnt ihr euren Beitrag leisten? Wie wäre es, wenn ihr eure Brause demnächst aus einer Glasflasche trinkt und eurem Umfeld die Seite www.plastik-frei-stadt.org empfehlt. Denn zu kehren, beginnt man bekanntlich am besten vor der eigenen Tür.

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