Veröffentlicht in 0381-Magazin, Allgemein

Les Enfants Sauvages

Es war wohl einer der letzten warmen Tage in diesem Sommer, als Lena und Marten von Les Enfants Sauvages sich zu mir in das kleine Café Waldenberger in der Rostocker KTV setzten. Das Wochenende steckte ihnen in den Knochen und gemeinsam genossen wir bei einer Tasse Kaffee den sonntäglichen Sing Sang. Mit einem Blick Richtung Himmel konnte ich sogar die jazzigen Melodien ihrer Musik hören: ruhig, entspannt und genau das Richtige, um die Augen zu schließen.

Les Enfants Sauvage@Reiner Nicklas (2)
v.l. Lena, Axel, Amelie und Marten © Reiner Niklas

Seitdem Lena 2016 ihren Abschluss an der Hochschule für Musik und Theater (HMT) in Rostock machte, sind sie und Marten zusammen mit Amelie und Axel eine Band, die sich unter anderem dem Jazz hingiebt. Man hört Ihnen beim Musikspielen gerne zu. „Ich wollte meine Songs für mein Abschlusskonzert gerne mit einer passenden Stimme im Kopf schreiben. Amelie war damals zwei Jahrgänge unter mir an der HMT. Ihre Art zu singen und ihre Bühnenpräsenz haben mich sehr inspiriert und so habe ich sie gefragt“, erzählt Lena über ihre Entstehung. Marten war ein Künstler, mit dem sie gern arbeiten wollte und mit Axel, Schlagzeuger der Band, verbindet sie bis heute eine alte Musiker-Liebe. „Ich wusste nicht, ob das funktioniert. Hat es aber. Und das hat im nächsten Schritt bedeutet, dass man mehr Programm braucht. Direkt nach dem Konzert war ich aber noch nicht soweit. Also hat es nochmal bis 2017 gedauert, bis wir wirklich eine Band waren.“

Ihr Repertoire bestand anfänglich aus mehreren Bearbeitungen bestehender Songs. „Bei eigenen Konzerten spiele ich auch lieber Selbstgeschriebenes, aber im Kontext meines Abschlusskonzertes 2016 hat es mir doch sehr viel Spaß gemacht ein paar persönliche Lieblingslieder zu covern“, kommentiert Marten mit einem Schmunzeln Lenas Vorgehen. Marten hatte sich bei seinem Abschluss-Konzert an Künstler wie der Norwegische Band Jaga Jazzist und Bonobo gewagt. Das Programm von Les Enfants Sauvages ist mittlerweile aber gut mit eigenen Werken gefüllt, sodass sie damit eigene Konzerte füllen können. Hoffen kann man, dass Lena trotzdem am 30. Oktober im Peter-Weiss-Haus den Song „Black Coffe“ von Ella Fitzgerald singen wird, denn jeder, der sie an den Synthies liebt, wird es noch mehr als Sängerin tun.

 

„Ich sehe mich in erster Linie als Instrumentalistin. Ich kam eigentlich zum Singen, weil ich Songs schreiben wollte. Und zwar für andere. Das war aber zu kompliziert. Und so habe ich das Singen einfach selbst ausprobiert“, sagt Lena.

Bis Ende 2019 sollen idealerweise zehn Songs auf CD gepresst werden. „Wir sind gerade am experimentieren. Ob wir es zusammen oder getrennt aufnehmen und mit wem. Schon mit guten Mikros, weil Marten ist ziemlich fit in der Geschichte.“ Könnten Sie sich einen Kandidaten aussuchen, würden sie Moritz vom Studio van Rauschen wählen, erzählt Marten erregt: „Moritz ist mein ‚Besterstudiokumpel‘. Er mastert meine Tracks und hat auch die zwei Loopmilla-Alben gemischt, bei denen ich ja … spiele.“

Ein Titel, der bereits aufgenommen wurde, ist „Hold on“. Sie sagen selbst, dass er radiotauglich wäre und die Instrumente gut von jedem Zuhause aufgenommen werden konnten. Einzig gemischt werden, muss die Liebeserklärung an die Menschenhasser noch. „Es ist spannend, dass genau den Leuten, die einem das Leben schwer machen, ein Song gewidmet wird.“ Lena nippt an ihrem Kaffee und dreht sich beim Reden eine Zigarette. „Hold on“ ist schnell, treibend und spielt mit einem fetten Synthiebass. Einzig das punkige Gitarren-Riff könnte ihre Hörer irritieren. Sind ihre restlichen Songs bis zu diesem Zeitpunkt doch eher melancholisch.

Viel findet sich von Lenas Identität in der Band, so auch ein Schweizer Volkslied. „Meine Mutter hat uns Kindern früher immer ein französisches Chanson vorgesungen. Daran habe ich mich erinnert und wollte es gerne spielen. Habe es aber nie gefunden, nur den Text. So heißen wir jetzt Les Enfants Sauvages und spielen einen Song, der zum Teil Original und zum Teil aus meiner Erinnerung erstellt wurde.“ Das Guggisberglied, das mittlerweile in dem Jugendbuch „Vor Kummer sterbe ich“ verarbeitet wurde und zusammen mit einer CD zu erhalten ist. Darauf sind zwanzig unterschiedliche Interpretationen, unter anderem auch die der Band. „Auf das Lied wurde in der Schweiz mal die Todesstrafe ausgesetzt, weil wenn das Soldaten gesungen haben, haben Sie so doll Heimweh bekommen, dass sie nicht mehr fähig waren, was zu tun und dann wurde es verboten“, erzählt Lena.

Ob sich Les Enfants Sauvages nur eine Lebensabschnittsformation bleiben wird oder zu einem Kollektiv erwächst, wird die Zeit zeigen. Die breitgefächerten Skills der Band sind schon in ihren anderen Projekten (Lena: Nymphatamin, Amelie: All was well, Axel: Olivinn, Marten: Loopmilla) zu hören und finden nun gemeinsam eine gute Harmonie. Zu empfehlen ist also, ihre Konzerte zu besuchen, solange man kann und zu hören, wie sie aus alten Sachen etwas Neues machen und nicht nur sich selbst, sondern auch ihr Publikum inspirieren. „Halbherzig Musik machen, kenn ich gar nicht“, schließt Marten das Interview und verschwindet in das Innere des Cafés, um mit einem befreundeten Musiker einen Plausch zu halten. Lena und ich sitzen noch einen Moment, genießen die Sonne, bevor auch wir in den Sonntag verschwinden.

Besetzung:
Lena Schmidt – Keys, Voc, Komposition
Amelie Olbrich – Voc
Marten Pankow – Guitar, Electronics
Axel Meier – Drums
Gründungsjahr: September 2017
Online: http://www.lesenfantssauvages.de/
Veröffentlichungen:
Angestrebt wird das Jahr 2019 mit einem Album.
Eine gebastelte Live-CD (wird auf den Konzerten vertickt)

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Antispielismus: Mehr als Musik ;)

Die Gründungsgeschichte von Antispielismus liegt irgendwo zwischen 2006 und 2008 in Rostock. Damals hatten Sänger Sergiy und Marten, der heute bei der Rostocker Hip Hop Formation Loopmilla spielt, einen Proberaum im Käthe Kollwitz Gymnasium und den Traum gemeinsam Musik zu machen. An ihrer Seite standen Georg und Arne, die mittlerweile aus dem Musikbusiness raus sind. Heute besteht die Band aus 20 bis 30 Menschen. Warum das so ist? Antispielismus sind mehr als Musik. Sie sind Freunde, Familie und Menschen, die den Raum dekorieren, während Sergiy, Daniel und Co. als Musiker auf der Bühne aufbauen. Am 16. Februar soll es im Peter-Weiss-Haus wieder soweit sein. Als Special Guest der Berliner Band Budzillus werden sie mit „neuen“ Songs auf die Bühne gehen.

@Antispielismus

Ihr letztes Album „Einer von uns“ (2013) thematisierte Politik, Liebe und soziale Ungerechtigkeiten. Stellt sich die Frage, wann das nächste Werk erscheint. „In letzter Zeit spielen wir auf Konzerten fast nur noch neue Songs“, kommentiert Sergiy den Umstand. „Es ist in den letzten Jahren viel passiert. Unser Bassist Joe ist gestorben, was uns alle mitgenommen hat. Die Welt war durch die Flüchtlingswelle ziemlich in Aufruhr. Und das beeinflusst uns natürlich. Ich schreibe bei uns hauptsächlich die Texte und die Band macht sie dann schick. Die Songs für das neue Album klingen insgesamt optimistisch ernst. Ernste Texte treffen auf lustige und sehr tanzbare Musik. Das ist auch letztlich das, was ich mag. Die Kontraste, die man durch Musik schaffen kann.“

Neues Album mit Distemper Records

Im April soll es für die Aufnahmen ins Studio von Peter Schade (In House Technician M.A.U.- Club Rostock) gehen. Zum Mastering geht es weiter nach Moskau zu „Distemper Records“. Die sogenannten „Götter des Ska-Punk“ sollen für Antispielismus das Album nicht nur „glatt“ ziehen, sondern auch ein Feature mit Sänger Dazent und Saxophonist Sergiy von Distemper einspielen. Bereits im September 2017 haben sie mit den Russen zusammen im JAZ gespielt. Für 2018 ist voraussichtlich wieder ein Gig geplant. „Es gibt noch 3-4 Titel, die wir verfeinern müssen. Gesellschaftskritische Themen kommen auf den Tisch und ich glaube, es gibt nur zwei Songs über Liebe. Wir wollen mit unserer Musik das ansprechen, was wir auf den Straßen sehen und was wir fühlen. Sollen doch die anderen rein fröhliche Musik machen.“

Nicht nur Unterhaltung steht auf dem Zettel, sondern auch Aufklärung und Engagement über ihre Musik hinaus. Angefangen mit einem Rostocker Straßenkonzert 2016 während der Flüchtlingswelle. Damals spielten sie rund 850 Euro ein und gaben das Geld an die Organisation „Rostock hilft!“ weiter. Ein weiteres Beispiel: Ihr Auftritt beim Festival „Wasted in Jarmen“ unter der Schirmherrschaft von Feine Sahne Fischfilet, um den Rechtsextremismus in der Gesellschaft den musikalischen Mittelfinger zu zeigen. Dabei solltet ihr nicht denken, dass Antispielismus Klischee-Punks sind. „Ganz ehrlich, was ist schon Punk? Die bettelnden Punker vorm REWE sind es jedenfalls nicht. Für mich ist Punk sein, unabhängig zu sein und das bist du nicht, wenn du andere um Geld bittest. Wir haben das in unserem Song „Anti“ (2013) auch thematisiert. Er beschreibt einfach das Verständnis von frei sein.“

Antispielismus: Eine große Familie mit vielen Instrumenten

Die letzten drei Jahre waren eine sehr intensive Zeit, die bei Antispielismus auch mit Besetzungswechseln einher gingen. „Wir suchten lange einen Nachfolger für Joe. Eine Zeit lang spielte Lisa von The Hoodoo Two bei uns. Was zeitlich aber irgendwann nicht mehr passte. Dann kam Rouven von der Hochschule für Musik und Theater. Der hat musikalisch eine Menge drauf, hat aber zu Antispielismus und unserem Lebensstil nicht so richtig gefunden. Und irgendwann kam dann Mattu. Er ist jetzt seit circa drei Jahren bei uns und das passt menschlich einfach super. Antispielismus ist wie eine große Familie und er war das Puzzle, das irgendwie gefehlt hat. Das einzige Problem ist, dass er in Berlin wohnt. Somit ist er nicht regelmäßig bei den Proben dabei. Lustigerweise probt dann Lisa mit uns. Sie kann halt irgendwie nicht von uns lassen.“ Auch an den Drums gab es einen Wechsel, Jörg wurde von Marc ersetzt, der ebenfalls bei den Terrifying High Clouds spielt. „Henning kommt noch dazu. Der spielt seit drei Jahren Irish Bouzouki und das Akkordeon und hat uns ganz schön verändert. Unser Sound ist viel breiter geworden. Wir hören uns an wie eine fette Wand. Wir sind glaube ich in Rostock auch eine der Bands, die mit den meisten Musikern auf der Bühne stehen. Wir sind eigentlich vielmehr schon ein Orchester.“

@Antispielismus

 

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Hundreds: weg vom SuperPopApproach

Der Artikel erschien in der November Ausgabe des 0381-Magazins von 2016

Die Geschwister Eva und Philipp Milner sind in Rostock kein unbekanntes Blatt. Es gehört zum guten Ton alle zwei Jahre auf die Konzerte von Hundreds zu gehen und den Hamburgern bei ihrer musikalischen Reise auf die Finger zu schauen. Am 4. November veröffentlichen sie nach ihrem Werk „Tame the Noise“ ihren neuen Longplayer „Wilderness“ und stoßen damit ihre Hörer weg aus dem „0815-Popschema“. Am 5. November treten sie zudem im Peter-Weiss-Haus in Rostock auf.

Ihr ward das letzte Mal 2014 in Rostock und habt Eure „Tame The Noise“ Tour gespielt. Was habt ihr seitdem getrieben?
Eva:
Im Frühjahr letzten Jahres bauten wir im Haus von Philipp ein eigenes Studio auf, dies liegt im Wendland (Niedersachsen) und dort sind wir direkt hin. Es ist kein Studio im klassischen Sinne, mit Wand und Glasscheibe, sondern einfach ein schöner großer Raum, in dem wir arbeiten und proben können. Letzten August verschickten wir dann erst die 500 „Tame the Noise“ Platten und fingen währenddessen an, die ersten Songs zu schreiben. War im Prinzip ein fließender Übergang. Wir überlegten, wo wir musikalisch hin wollten und beschlossen uns zu verändern und Kunst zu machen. Wir fingen mit massiven Beats an und Melodien, die wahrscheinlich nicht jedem so leicht ins Ohr gehen. Wir wollten unseren eigen Anspruch erfüllen und uns etwas trauen. Die klassischen Popstrukturen haben wir weggeschoben und Songs geschaffen, welche genau diese aufbrechen. „What Remains“ und „Wilderness“ stehen dafür ein.

Wer das Album das erste Mal hört und die Musik von Hundreds kennt, wird verwirrt sein. Doch ich kann versprechen im positiven Sinne. Catchy Melodien treffen auf die neue Wildheit und schlagen eine Brücke zu ihren leichtfüßigen Popsongs. Schocker wie „Unfolded“ lassen zunächst die Handschrift der Musiker nicht erkennen, doch packen einen sofort. Mit „Wilderness“ trifft die altgriechische Tragödie, welche im „Bearer and Dancer“ thematisiert wird, auf die philosophische Frage des menschlichen Handels. Hundreds erfinden sich neu und bleiben doch sie selbst.

Als Vorabteaser zu „Wilderness“ erschien im Mai der Song „What Remains“. Ich würde fast behaupten, er vereint das gesamte Album in sich?!
Eva:
Ja, doch das stimmt schon. Ich habe immer meine eigene Welt betextet und bin nun vom persönlichen zu anderen Themen gegangen. Somit kann man sagen, dass „What Remains“ das Album thematisch widerspiegelt. Es geht letztlich darum, welchen Weg die Menschheit beschreiten wird. Was passiert gerade? Was machen wir? Das habe ich versucht ein bisschen philosophisch zu verarbeiten. Und „What Remains“ ist der erste Gedanke, welcher das zum Ausdruck bringt.

2014 spielten die Geschwister in der Heiligen-Geist-Kirche in Rostock. Davor waren sie schon 2010 auf der Stubnitz (als sie noch im Stadthafen lag) und feierten ihre musikalischen Anfänge. Ihre Konzerte sind stets etwas Besonderes und werden durch visuellen Lichteffekte unterstützt, welche mit der Musik treiben und sie zugleich anschieben.

Am 5.11. tretet ihr im Peter-Weiss-Haus auf, warum nehmt ihr im Vergleich zu früher, eine doch eher „normale“ Location?
Eva:
Wir haben da schon mal gespielt und einfach an die vielen Menschen gedacht. Die Produktionsbedingungen sind auch ein bisschen größer mit Licht und Visuals und benötigen eine hohe Decke. Es soll zudem Clubatmosphäre herrschen, weil es insgesamt tanzbarer wird. Wer unser, ich sag mal, „Techno Set“ kennt, für den verändert sich aber nicht so viel. Wir haben natürlich ein paar neue Instrumente, Effekte und einen guten Lichtmann dabei, der die Show steuert, aber soviel ist nicht anders. „Tame the Noise“ war ein Akustik Set und hat besser in die Kirche gepasst. „Wilderness“ findet sein Platz nun im Peter-Weiss-Haus.

Hundreds, eine Band die musikalisch auf Anspruch und Tiefgang setzt und sich mit jedem Konzert neu definiert. Ihr Musik liegt aktuell irgendwo zwischen elektronischen Beats, skurrilen Effekten und poppigen Melodien. Eine Tanzempfehlung für jeden Liebhaber gepflegter Unterhaltungsabende.

Antje Benda