Die Geschichte von Annabell im Park

Der Wind wehte kalt durch die Straßen der Stadt. Der November hatte Einzug gehalten und der Sommer war nur noch ein laues Lüftchen in den Gedanken der Menschen. An der Ostküste von Deutschland bedeutete das in der Regel viel Regen, wenig Sonne und feuchten kalten Wind. Unter diesen Bedingungen musste Annabell ihre Wohnung verlassen. Bewaffnet mit schwarzen Boots, einer Jeans, einem Dicken Pulli und Schall machte sie sich gemeinsam mit ihrem Hund auf in Richtung Park. Es war Nachmittag und die Straßen in dieser klein großen Stadt mäßig befahren. Was aber nicht bedeutete, dass Anna (Kurzform von Annabell) nicht trotzdem einen Fahrer anschrie, der sie fast angefahren hätte. Er war zu schnell gewesen, hatte telefoniert und beim Abbiegen nur auf seinen Weg geschaut. So hatte er Anna fast übersehen, die gerade noch zurück auf den Bordstein springen konnte. Es war zum Haare raufen, aber nun auch schon wieder fünf Minuten her und der Zorn verflogen. Annabell kickte einen Stein vor sich her, während sie mit Brutus durch die Wege des Park schlenderte. Der Wind wehte durch ihre braunen Locken und führte dazu, dass durch die Kälte ihre Nase etwas lief. Es ist schon merkwürdig dachte sie, hier an der Küste dauert der Sommer gefühlt 3 Tage und die restliche Zeit regnet es. Warum zum Geier war sie noch nicht nach Honolulu oder Tahiti ausgewandert. Warum schlenderte sie an einem kalten Nachmittag mit Brutus, den sie noch nicht mal wirklich mochte, durch den Park. Sie verzog das Gesicht und beäugte die kleine Fußhupe genauer.

Brutus war ein kontinentaler Zwergspaniel und zeichnete sich durch sein weißes Fell und die braunen Ohren aus. Ansonsten war er ziemlich klein und nervig. Annabell hatte das Tier von ihrer Mutter zum Studien Abschluss bekommen. Sie hatte Germanistik studiert und war klassisches Mittelfeld. Aber mehr brauchte man in dieser Gesellschaft auch nicht, wenn man einen Job will. Ein Stück Papier auf dem Stand: Bestanden. Der Rest war dann Charisma, die richtigen Kontakte und praktische Fähigkeiten. Sie dachte zurück wie ihre Mutter mit dem Hund vor ihr stand und sie anlächelte. „Alles Liebe meine Kleine. Ich bin so stolz auf dich. Als Geschenk bekommst du den kleinen Mann hier. Dann bist du nie allein. Er heißt Brutus.“ Es war ja lieb gemeint von ihrer Mutter, doch zu Brutus fehlten ihr eindeutig die lackierten überlangen Fingernägel in pink und eine Dauerwelle, die nach den 80er Jahren schrie. Schnaufend ging sie weiter und zog Brutus mit sich durch den Park. Er hatte irgendetwas im Gebüsch entdeckt und zerrte nun wie verrückt an seiner Leine. „Brutus, komm und lass den Scheiß. Hast du schon mal in den Himmel geschaut. Es fängt gleich an zu regnen.“ Annabell sprach mittlerweile mit ihm, wie mit einem Menschen. Er gehörte halt jetzt zu ihr, auch wenn das Äußere was anderes sagte. Irgendwann gab Brutus nach und lief wieder geradeaus. Annabell ließ die Leine locker und spazierte ihm nach. Sie liefen knapp eine Stunde, bevor Anna merkte, dass sie eine Pause brauchte. Ein Blick in den Himmel sagte ihr, dass sich die Wolken und somit der Regen verzogen hatten. In der Nähe stand eine Bank, welche mit Tags und Vogelkacke überzogen war. Sie fand jedoch eine Nische darauf, welche für sie und ihren Hintern gut geeignet schien. Sie setze sich nieder und kramte in ihrer hinteren Hosentasche. Hervor kam eine kleine Tasche mit Tabak, Filtern und Blättchen für Zigaretten. Es dauerte nicht lange und sie hatte sich eine Zigarette gedreht. Ihr Kumpel Paul hätte dazu gesagt „Deine sind immer so fluffig.“ Sie musste schmunzeln und zündete sich die Kippe an. Nahm einen Zug und lehnte sich zurück. Im ersten Moment der Entspannung kam Brutus auf sie zugeschossen und sprang an ihr auf. Ein sicheres Zeichen, dass er wild und allein durch die Gegend ströpern wollte. Annabell schaute sich um, ob in der Nähe ängstliche Mitmenschen waren und ließ Brutus schließlich von der Leine. Insgeheim konnte sie sich nicht vorstellen, dass es Menschen gab, die vor dieser Kreatur Angst hatten. Er war ja noch nicht mal so groß wie eine Barbiepuppe. Wem sollte er etwas tun. Annabell lehnte sich zurück und genoss für einen Moment die Nachmittagssonne, die durch die Wolken gebrochen war. Sie kitzelte warm über ihre Haut und brachte sie kurz zum Niesen. Naja, niesen war untertrieben, es war mehr ein inbrünstiges Aufschreien, dass die Vögel von den Bäumen vertrieb.

Annabell musste Schmunzeln und rieb sich die Nase. Im selben Moment hörte sie eine Stimme. „Mensch Anna. Ich hatte dich fast nicht bemerkt, wenn du nicht so genießt hättest. Gesundheit! Obwohl, laut neuem Knigge musst du dich ja entschuldigen. HiHi.“ Vor ihr stand Marianne. Marianne hatte lange Zeit mit Annabell zusammen studiert. War aber erfolgreichen und nerviger in dem was sie tat. Immer erste Reihe und immer ganz tief im Anus des entsprechenden Dozenten. Es war ein Graus. Und jetzt stand sie vor Annabell mit einem fetten Grinsen und einem „Hihi“ im Gesicht. „Ja, eh Entschuldigung!“, räusperte sich Annabell und setzte sich gerade auf die Bank. Sie schaute Marianne an. Wie perfekt sie aussah, groß und schlank. „Na, was treibst du hier so? Ich für meinen Teil bin gerade joggen, um die überflüssigen Pfunde abzutrainieren. Du weißt ja, bald ist Weihnachten und am Ende möchte man ja nicht selbst die gemästete Gans sein.“ Annabell verdrehte die Augen. Sie musste daran denken, was sie heute getan hatte. Aufgestanden und Frühstück gegessen. Kurz in die Stadt mit Paul auf einen Kaffee. Mittag gegessen mit einem Geschäftskontakt. Kleines Nickerchen und jetzt hier mit Brutus. Wenn sie jetzt noch anfangen sollte jeden Tag joggen zu gehen, dann hätte sie keine ruhige Minute mehr für sich. Und so ein bisschen sexuelle Schwungmaße ist auch kein Weltuntergang. Sie schaute Marianne an und sagte: „Ich bin gerade mit Brutus unterwegs. Er brauch ja so seinen Auslauf.“ Marianne nickte und schaute von links nach rechts. „Sag mal hast du das von Conny schon gehört? Eigentlich tratsche ich ja nicht, aber das kann ich einfach nicht für mich behalten.“ Annabell schaute sie an und grübelte. Konnte Marianne sich nicht erinnern, dass Conny eine ihrer besten Freundinnen war und sie schon durch Feuer und Dosenbier gewartet sind. Will sie ihr jetzt wirklich irgend einen Scheiß erzählen, den sie wenn dann schon kennt oder spätestens in den nächsten Stunden erfährt. Gesetz dem Fall es ist wirklich wichtig. Annabell holte Luft und wollte gerade Marianne erklären, dass es sie nicht interessierte, als ihr Handy klingelte. Marianne ging ran. „Ja her Professor Müller?!“ Ihre Stimme wurde ganz säuselich und sie begann dem Professor verbal in den Arsch zu kriechen. Annabell schaute sie an und fragte sich, ob es für so was ein extra Gleitmittel gab oder ob sich der Schließmuskel des Professors ganz von alleine öffnen konnte und sich auf Weite brachte, wenn geifernde Doktoranden (Ja, Marianne war Doktorandin.) sich nähernden. Es war einfach Zuviel. Sie drückte den Rest ihrer Kippe unter ihren schwarzen Stiefeln aus und stand auf. Hob noch die Hand zum Abschied und ging dann los. Marianne schaute ihr verwirrt hinterher. Annabell zeigte auf ihre nicht existierende Uhr, drehte sich um und ging tiefer in den Park hinein.

Erst Minuten später viel ihr ein, dass sie Brutus vergessen hatte. Sie wollte sich gerade umdrehen, als ein Scharren neben ihr zu hören war. Sie schaute nach links und sah, dass sich das Laub neben ihr bewegte. Ein fast Kniehoher Berg aus zusammengetragenen rotbraunen Blättern bewegte sich und machte Geräusche wie eine hustende Katze. Annabell ahnte schon was oder besser wer das war. Unter dem Berg von Blättern befand sich Brutus, der mit einer toten Maus spielte. Wie widerlich. Annabell suchte einen Stock und versuchte mit diesem Brutus die Maus zu entreißen, doch der kleine Giftzwerg wehrte sich vehement. „Lass los. Ich habe keine Lust dir dieses Ding mit den Fingern zu entreißen.“ Ein Kampf zwischen David und Goliath entbrannte und auch hier sollte Goliath den Kürzeren ziehen. Brutus ließ kurz die Maus fallen. Biss mit Leibeskraft in den Stock und entwickelte Kräfte die einem Elefanten gleich kamen. Fast sah diese kleine Ratte wie ein ausgewachsener Kampfhund aus. Der Stock wurde Annabell aus den Händen gerissen und sie blieb erstaunt stehen. Dann nahm Brutus die Maus wieder ins Maul und flitze davon. Verdattert blieb die junge Frau zurück und wunderte sich über diesen kleinen Kampfzwerg. Es waren wohl nur einige Sekunden bis Annabell aus ihrer Schockstarre wieder erwachte und die Verfolgung aufnahm. Sie lief den Weg zurück, den sie gekommen waren. Brutus hatte zwar ein paar Schlenker gemacht, aber war auf dem gleichen Weg zurück gerannt. Anna konnte dies sehen, weil die Fläche eben war und nur kleine Hügelchen ihr ab und an die Sicht versperrten. Kurz bevor sie an der Bank ankam, an welcher sie sich mit Marianne unterhalten hatte, blieb sie stehen. Ihre Augen wurden ganz groß und wären fast aus den Höhlen getreten. Marianne stand hüpfend vor der Bank und an ihrem Bein hing Brutus. Annabell musste sich das Lachen verkneifen, denn ihr kleiner Spaniel verwechselte Mariannes Bein gerade mit einem liebestollen Gegenstück. Quickend rieb er sich an ihrem Bein. Sie schrie und versuchte durch Schütteln, das Untier von sich zu weisen. Ähnlich mussten sich das ein um das andere ihre Dozenten gefühlt haben. Vielleicht war diese Situation ganz lehrreich, dachte Annabell während sie amüsiert der Szenerie ihre Aufmerksamkeit schenkte. Irgendwann hatte sie Mitleid und eilte auf die Beiden zu. „Brutus aus. Was machst du denn da?“ Sie packte ihn und legte ihm die Leine an. „Was ist denn mit diesem Vieh los. Hast du den nicht erzogen oder warum verwechselt er mein Bein mit einem Pfiffi?!“ Wütend starrte Marianne Annabell an und wischte sich die Stelle am Bein, die Brutus zuvor mit Hingabe penetriert hatte. Annabell schmunzelte, „Er weiß es halt nicht besser. Es tut mir leid. Du, ich muss dann auch weiter. Habe noch einen Termin.“ Mit dem Hund unterm Arm verschwand Annabell im Stechschritt und ließ Marianne stehen.

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