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Mit dem Zug nach Prag … Teil 1

Der Zug ratterte und als ich den Bahnhof von Berlin verließ, blieb ein Gefühl hinter mir, welches ich nicht fassen konnte. Die Sonne stand leuchtend über dem rot-weißen Eurocity Richtung Prag und beobachtete den Weg nach Südosten. Das ebene Land zog bald vorbei und von der Moderne der Großstadt blieb nur noch ein verschwommener Gedanke. Dörfer mit kleinen Häusern wechselten sich mit ebenen Flächen von Grün ab. Irgendwann klopfte ein freundlicher Mann vom Zugpersonal an die Kabine und schob die Tür mit einem Knarren auf. „Wollen Sie einen Kaffee oder Snack?“, fragte er. Der Mann mittleren Alters sprach gebrochenes Deutsch mit  tschechischen Akzent und lächelte mich freundlich an. Die Auswahl war dürftig und der Kaffee roch wässrig. Ich bat ihn um einen Schokoriegel und einen heißen Becher der dunklen Flüssigkeit. „Wohin wollen Sie?“, erkundigte er sich, während er Kaffee in einen Becher füllte. „Ich reise nach Prag und möchte mir die Stadt ansehen.“ Er schmunzelte, reichte mir den Kaffee und erwiderte: „Ja es gibt schöne Dinge in der Stadt zu erleben. Das Tanzende Haus, die Prager Burg und natürlich die vielen Parks.“ Ich nahm den Kaffee entgegen und schaute den Mann an. Sein Haar war dünn und seine Stirn besaß große Geheimratsecken, die seinen haarigen Brauen ausreichend Platz der Entfaltung boten. „Dann kennen Sie garantiert auch das Faust-Haus.“ Sein Kopf erhob sich und er umfasste eine goldene Kette mit Kreuz, die an seinem Hals hing. Er schaute mich an. „Sicher. Ein nettes barockes Gebäude. Man kann es gut von Außen betrachten.“, sagte er und reichte mir den Schokoriegel. Danach holte er sein Portemonnaie aus schwarzem Leder heraus. „3,50 Euro bitte.“ Das Thema war für Ihn erledigt. Ich kramte in meiner Tasche und sprach dabei: „Ich wollte es mir gerne von Innen ansehen. Man soll ja noch alchimistische Zeichen und Symbole in dem Haus finden. Meinen Sie man kommt da so einfach rein?“ Ich reichte ihm einen Zehn Euro Schein und schaute ihn fragend an. Ein Blick aus dem Fenster offenbarte nun graue Wolken, die immer dunkler wurden und die wärmende Sonne verdeckten. „Junges Fräulein, es gibt Dinge, denen man nicht folgen sollte. Schauen sie sich die schöne Stadt an.“ , schloss er, reichte mir mein Wechselgeld und schob seinen Wagen zum nächsten Abteil. Die Wolken waren mittlerweile dunkelgrau, von der Sonne kein Anzeichen. Ich nippte an meinem Kaffee und schmeckte eine bittere Säure, die mir heiß die Kehle herunter floss. Ich verzog mein Gesicht und im nächsten Moment erschrak ich. Am Himmel erschien ein Leuchten, gefolgt vom Grollen, welches die Geräusche des Zuges übertönten. Ich lehnte mich zurück, schaute wie der Regen folgte und seine Tropfen energisch an die Scheibe platschen. Sie nahmen mir die Sicht nach Draußen. Fast blind fuhr ich in die magische Stadt, gelegen an den wilden Wassern der Moldau.

Wir hatten die Grenze passiert und die Landschaft nahm eigentümliche Konturen an. Die Berge am Horizont beugten sich nach unten und verdunkelten die Täler an ihren Füßen. Ich schloss die Augen und öffnete sie erst kurz vor Prag wieder. Kurz bevor das eiserne Ungetüm stoppen sollte, erschien der Zugbegleiter nochmal an der Tür meines Abteils. Sein Gesicht hatte sich verändert. Es war viel blasser als zuvor und seine Augen schimmerten in einer Farbe, die mir das Blut gefrieren ließ. Er kam jedoch nicht herein, sondern blieb vor der verschlossenen Tür stehen und schaute mich nur an. Sein Mund war zu einer schmalen Linie verzogen und zeigte keine Farbe von Rot. Erst in diesem Moment viel mir auf, dass er seine Hand an die Scheibe gelegt hatte und ich auf seiner Innenfläche ein Zeichen erkannte. Es war schwarz, leicht geschwungen und zeigte auf der rechten Seite wie eine Pfeilspitze nach oben. Ich starrte sie an und war wie hypnotisiert. Mein Körper war starr und lediglich mein Atmen bewirkte, dass sich meine Brust hob und senkte. „Next Stop Praha!“, ertönte es über meinen Kopf, doch ich regte mich nicht. Alles schien unwichtig. „Next Stop Praha!“, wiederholte die blecherne Stimme in den Lautsprechern. In diesem Moment löste sich der Zugbegleiter aus seiner Erstarrung, seine Augen wurden klar und erschienen auf einmal von einem satten Grün. Er schüttelte leicht den Kopf, blickte mich an und stutzte. Ich blickte zurück, langsam bewegte auch ich mich wieder, konnte aber meine Verwirrung zunächst nicht in Worte fassen. Er zog die Tür auf, nickte mir freundlich zu und sagte in gebrochenem Deutsch: „Ich wünsche ihnen eine schöne Zeit in Praha. Genießen sie die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten.“ Ich erhob mich, während ich ihn anstarrte und nahm meine Tasche. „Was war das gerade?“, fragte ich immer noch verunsichert. „Was meinen Sie?“ „Das Zeichen auf ihrer Hand, ihr Blick, ihre Haut?“ „Ich weiß nicht was sie meinen?“, sagte er und zeigte mir zum Beweis seine Hände. Beide waren sie leer. Nichts war darauf zu erkennen, noch nicht einmal ein Kleks verwischte Farbe. Er schaute mich an und drehte sich dann von mir weg. Bevor ich reagieren konnte, stürmten bereits neue Passagiere in den Zug. Jetzt überlegte ich, ob ich wirklich dieses Eisenmonster verlassen sollte. Ohne weiter darüber nachzudenken, ergriff ich meine Tasche und ging zum Ausstieg. Ich trat die drei Stufen hinunter und setzte meine Füße nebeneinander auf dem Bahnsteig ab. Als ich mich umdrehte, schloss sich die Tür hinter mir. Ich hörte ein Pfeifen und blickte an den Anfang des Zuges. Eine Schaffnerin erhob ihre Kelle und Dampf stieg zwischen den Rädern des Zuges empor. Dann setzte sich das Ungetüm in Bewegung. Ich schaute ihm nach und sah in der letzten Fensterscheibe noch einmal die angsteinflößenden Augen aufblitzen.

Ich hatte den Zug noch in meinen Ohren und erinnerte mich, wie es sich anfühlte in ihm zu sitzen. Auf der Reise zu sein mit einem komischen Gefühl zwischen Magen und Kehle. Ich freute mich schon auf die Rückfahrt und spürte, wie es sein musste im Zug zurück nach Deutschland zu sitzen. Prag war jedoch für mich und andere Passagiere vorerst die Endstation. Der Punkt an dem wir uns entscheiden mussten. Entweder fürs Aussteigen und Bleiben oder für eine Rückfahrt ohne große Geschichte. Ich blieb. Zu lange hatte es gedauert um hier anzukommen. Zu oft stand ich in Berlin am Gleis und hatte überlegt, ob ich diese Fahrt machen sollte. Und auch wenn der Mann wie eine Warnung in meinem Kopf schwirrte, wollte ich nicht den Weg verlassen, den ich eingeschlagen hatte. Für den ich solange gebraucht hatte.

Ich griff meinen Koffer und Hunger machte sich im selben Moment in mir breit. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal etwas gegessen hatte. Als ich darüber nachdachte, krampfte mein Magen so stark, dass ich kurz inne halten musste und tief einatmete. Ich sah mich um, doch nichts war zu finden, was mir gefiel. Also machte ich mich auf den Weg den Bahnhof zu verlassen. Menschen strömten dabei an mir vorbei, der eine oder andere schubste mich. Sie eilten zu den Zügen oder kamen gerade an und schauten hektisch auf ihre Uhren. Es herrschte Unruhe, die mir nicht gefiel. Ich wollte hier weg. Also legte ich einen Schritt zu und es dauerte nicht lange bis ich frische Luft und etwas Grün erreichte. Mein Blick schweifte durch die Gegend. Etwas entfernt sah ich einen kleinen Laden mit drei Tischen davor. Lediglich eine Frau mit großem Schlapphut und einer Tasse Kaffee war als Gast auszumachen. Sie blätterte in einem Buch, doch schien sie es nicht wirklich zu lesen. Als ich das Lokal ansteuerte, blickte sie kurz auf. Ihre Augen waren jedoch verdeckt von einer fliegenartigen Brille. Ich musste an meine Mutter denken, die eine ähnliche getragen hatte, als ich noch klein war. Ich setzte mich an einen Tisch neben sie und nickte ihr freundlich zu. Ich konnte sehen, wie sich eine Augenbraue hinter der Brille hob. Dann wand sie sich ab und blätterte auf fast andächtige Weise in ihrem Buch. Ihre Haare waren lang und von einem intensiven Rot, wie ich es vorher nur bei Iren oder Skandinaviern gesehen hatte. Sie wellten sich und quollen unter ihrem Hut hervor. Sie wirkten fast wie ein Mantel, der sie bedeckte. Bevor ich mich weiter auf sie konzentrieren konnte, stand eine dickliche, etwas herunter gekommene Frau neben mir und schnaufte mich ungeduldig an. Sie hielt eine Karte in den Händen. Ihre Haare waren zu einem wirren Knoten gebunden und einzelnen Strähnen vielen ihr ins Gesicht.

„Du bist deutsch oder?“, fragte sie und ihr abfälliger Ton zog sich wie kleine Eisenstachel über meinen Rücken. Ich nickte nur. „Das sieht man sofort. Was willst du?“ Ich blickte kurz in die Karte und entschied mich für ein Brot mit Ei und einen Kaffee. Ich bemerkte wie mich die Frau mit Hut anstarrte. Diesmal ohne Brille. Ihre Augen waren von einem durchdringenden Grau und sie musterte mich. Sie bewegte ihren Blick von meinen Schuhen bis hoch zu meinem Gesicht, an dem sie dann hängen blieb und mir in die Augen schaute. Alles um mich herum wurde leicht verschwommen und ich nahm nur noch sie wahr. Sie öffnete den Mund und vergammelte Zähne wie Stümpfe erschienen in diesem sonst so makellosen Gesicht. Doch dieses Unheil war nicht mehr zu erkennen, als ihr ein Klang entfuhr, der durch die Luft in meine Richtung getragen wurde. Wie ein leises Flüstern, dass mich einlullte. Ich sah wie ihre Augen ganz sanft und groß wurden, wir ihre Haut leicht glühte und sie ihren Arm nach mir ausstreckte, kurz bevor sie mich mit ihrem Gesang, sofern man es so deuten konnte, in einen angenehmen Schlaf zu betten schien.

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Julia Engelmann: Alles kommt irgendwie in Wellen

Julia Engelmann ist Schauspielerin und Poetry- Slammerin. Sie spielte von 2011 bis 2012 in der RTL Serie „Alles was zählt“ die Eishockeyspielerin Franziska Steinkamp. Damals schlug sie noch Wellen auf dem privaten Sender, jetzt sorgt sie für Unruhe in der Slammer Szene. Ihr Poetry-Slam Text „One Day“ wurde im Juli 2013 auf Youtube online gestellt und hat bis heute fast 8 Millionen Klicks genießen dürfen.

„Eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein und all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.“ (One Day/ Reckoning Text – Julia Engelmann)

Originalbild unter: http://martaurbanelis.fotograf.de/photo/53887756-3520-4d4e-a850-4c760a22dfb0
Bild: Marta Urbanelis

Erzählen wird Julia Engelmann eine Menge und wohl nie zurück blicken und bereuen müssen etwas nicht getan zu haben. Ihr Lebenslauf ist schon zu diesem Zeitpunkt beeindruckend. Schauspielerin, Slammerin, Psychologiestudentin und Musikerin in Passion. Eines ist klar: das Wort ist ihr tägliches Instrument.

Dein Lebenslauf sieht für dein Alter schon gut aus, wie hat sich der genau entwickelt?
Julia Engelmann: Ich wollte früher immer mal Schauspielerin werden. Mit 13 Jahren habe ich angefangen in Bremen Jugendtheater und so zu spielen. Die Schauspielerei betreibe ich also schon eine ganze Weile. Der Rest hat sich einfach ergeben. Bei „Alles Was zählt“ habe ich zwei Jahre hauptberuflich gearbeitet, wollte aber irgendwann etwas anderes machen und entschloss mich dann für ein Studium. Ich stehe immer noch bei eine Agentur unter Vertrag und gehe ab machmal zu kleinen Castings, aber nur so nebenbei.

Du studierst Psychologie oder?
Julia Engelmann: Meine Mama ist Psychologin. Sie hat recht spät angefangen zu studieren und ich war damals schon in einem Alter, indem ich alles mitbekommen habe. Wir lernten sogar zusammen und ich konnte dadurch schon einiges aufschnappen. Das gefiel mir alles recht gut. So habe ich mich ziemlich schnell für das Studium der Psychologie entschieden.

Neben deinem Studium bist du als Poetry-Slammerin unterwegs. Viele Menschen haben den Traum ihre Gedanken zu Papier zu bringen. Du hast es irgendwie geschafft eine große Masse mit deinen Worten zu erreichen, beziehungsweise auf deinem Buch steht „Die Stimme einer ganzen Generation“. Wie kam das?
Julia Engelmann: Ich glaube es war Glück, mein Video zu „One Day“ auf Youtube war einfach zum richtigen Zeitpunkt da. Es gibt viele Menschen, die gut schreiben können und ich hatte einfach Glück. In der Regel sind die Texte in meinem Kopf und ich schreibe meine Gedanke in ein kleines Buch. Sollte nichts zum Schreiben zur Hand sein, schicke ich mir auch gerne mal selbst eine E-Mail. Ich sammle meine Gedanken und wenn ich merke, dass mich ein Thema tief beschäftigt, setzte ich mich ein oder zwei Nächte hin und schreibe einen Text dazu. Vieles kommt natürlich aus unbeantworteten Fragen. Ich bin aber insgesamt ein Happy End Typ und versuche jegliche Konflikte auch in diese Richtung zu schieben.

Sie ist eine Poetin unserer Zeit und schreibt neben ihren Gedichten auch Texte für Stern.de und gibt dort ihre Gedanken zu Papier. Gerichtet sind die Texte wohl am ehesten an die Generation zwischen 20 und 30 Jahren. Es sind die Gefühle des Erwachsenwerdens, die Gedanken über Liebe und Schmerz und Texte über das Finden der eigenen Aufgabe. Sie gibt ihren Anhängern die Möglichkeit durchzuatmen und festzustellen, dass da noch jemand ist, der diese Gefühle und Gedanken hat. „Die Hoffnung ist das Kryptonit meines Realismus“, schreibt sie selbst in dem Text „Vom Gegenteil von Liebe“ und zeigt damit das sie etwas anderes sieht oder erhofft von unserer Welt. Man darf auf Julia Engelmann gespannt sein und mitverfolgen wohin sie mit ihrer Poesie noch wandern wird.

Du warst letztes Jahr als Begleitung von Tim Bendzko unterwegs. Wie war das?
Julia Engelmann: Ein großartige Erfahrung. Es war irgendwie von jetzt auf gleich. Es war der Wahnsinn. Er hatte noch einen Singer Songwriter im Vorprogramm und ich bin dann praktisch zwischen ihm und Tim aufgetreten. Ich habe dann „Stille Wasser sind attraktiv“ vorgetragen. Es war erstaunlich schön, wie 7000 Leute still sein können und zuhören. Ich habe seit „One Day“ insgesamt mehr Emails, Mehr Auftrittsanfragen. Es ist alles unglaublich schnell geworden. Bin herumgefahren, geflogen und habe jetzt ein Urlaubssemester, damit ich alles schaffe. Es hat echt viel verändert. Mein Buch wurde veröffentlicht und halt die Tour mit Tim Bendzko. Ich würde nicht ausschließen wollen, dass ich nicht weiter als Poetry-Slammerin arbeite, aber was kommt, kristallisiert sich hoffentlich von selbst heraus.

Julia Engelmann singt laut und gerne. Spielt Klavier und Gitarre. Und wird am 12. Juni ihre Texte mit der Musik verbinden und so ihre Affinität zu Noten und Gesang einen Ausdruck geben.

„Das Leben, das wir führen wollen, wir können es selber wählen. Also los, schreiben wir Geschichten, die wir später gern erzählen!“ (One Day/ Reckoning Text – Julia Engelmann)

Info:
Julia Engelmann slamt am 12. Juni 2015 im Arno Esch Hörsaal (Audimax-Ulmenstraße)
Beginn: 20 Uhr

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Johannes Meißner – Eine Band spielt Bilder von Regenbögen

Johannes Meißner sind vier junge Musiker, welche sich an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock gefunden haben und auf einfache und beeindruckende Weise ihrer Musik einen Platz geben. Am 26. August sind sie in Greifwald und am 29. August in Rostock. Alles-MV hat sich vorher mit ihnen getroffen.

– von Antje Benda –

Maximilian Hirning, Axel Meier, Johannes Meißner und Lena Schmidt bei den Proben zur Tour.

Warum kann es nicht immer so sein …“ die ersten Worte von „Ego Ich“ einem Titel von Johannes Meißner. Zum einen der Texter Hannes und zum anderen eine junge Band, welche gerade ihre ersten Schritte Richtung Zukunft absolvieren.Sie sind Künstler, sie sind Menschen mit einem offenen Geist und mit Ambitionen die Welt zu inspirieren. Gedanken die meinen Kopf verlassen, während ich in Laage auf dem Boden ihres Proberaumes sitze. Um mich herum ein Wust an Kabeln und eben ihre Musik.

Mein Herz ist sonst ganz ruhig und ich lausche gebannt wie Johannes Meissner seine metaphorischen Worte ins Mikrofon säuselt. Lena Schmidt untermalt die Szenerie mit einer gefühlvollen Bedienung der Synthesizer und bildet für mich den Rahmen mit Axel Meier am Schlagzeug und Maximilian Hirning am Kontrabass. Der Boden vibriert, während sie ihre Titel interpretieren und ich so ein Gefühl für ihre Musik bekomme.In meinem Kopf formen sich ganz ruhig und langsam Bilder und drängen danach einen Weg in die Wirklichkeit zu finden. Jemand der sie das erste Mal hört, würde wohl sagen: „Das hört sich an wie ein erwachsener Tim Bendzko“ oder „Clueso – nur gefühlvoller“. Für mich sind sie einfach Johannes Meißner.

Mit dem Ende ihres Lieds beginnt unser Gespräch und gibt mir die Möglichkeit die Menschen hinter klangvollen Regenbögen und drängenden Fabelwesen zu erkennen. Eine Ahnung davon zu bekommen, was ihnen Musik eigentlich bedeutet.

Johannes Meißner, Axel Meier und Lena Schmidt (von links nach rechts) im Interview mit Antje Benda. (Maximilian Hirning ist schon im Bett.)

Antje Benda:

Ihr macht mittlerweile seit drei Jahren zusammen Musik, besser gesagt Maximilian, Johannes und Axel. Seit eineinhalb Jahren ist auch Lena mit dabei. Wie habt ihr zueinander gefunden?

Johannes Meißner:

Das war eine Geschichte die über die Hochschule für Musik und Theater Rostock gelaufen ist. Axel studiert da Schlagzeug und ich Gesang. Wir brauchten noch zusätzlichen und anderen Input. Dinge außerhalb des ganzen akademischen Hochschulgedöns. Wir haben dann zusammen Sessions gespielt und waren relativ schnell auf einer Wellenlänge. Es brauchte aber Untenrum ein bisschen mehr. Ein Bass fehlte und dann schauten wir in den Innenhof der HMT und da stand Maxi. Ein bärtiger Mensch aus Bayern. Wir machten dann eine ganze Weile als Pop-Jazz Trio Musik, obwohl mehr Pop als Jazz drin war.

Antje Benda:

Lena, in eurer Musik bist du an den Synthesizern ein sehr treibendes Element. Es ist fast so, als würdest du die stark bildlichen Texte von Johannes mit in den Himmel tragen und alles etwas sphärischer machen. Wie bist du letztlich zu dem Bandprojekt Johannes Meissner gestoßen?

Lena Schmidt:

Das ist eine längere Geschichte. Ich habe das Trio schon am Anfang gehört, als ich von Zürich nach Rostock kam. Hannes hatte mich relativ schnell gefragt, ob ich etwas dazu beitragen möchte. Ich war mir da allerdings damals nicht so sicher. Ungefähr ein Jahr nach seiner Frage, habe ich mir eine Prophet ’08 Synthesizer von Dave Smith Instruments gekauft und dann kam er noch mal an. Es hat dann so tierischen viel Spass gemacht, dass für uns relativ schnell klar war, dass wir jetzt so weiter machen.

Maximilian Hirning (links) Bass bei Johannes Meißner testet mit Antje Benda das Mikro.

Um unsere Unterhaltung weiter zu befüttern, spielen sie mir einen weiteren Song vor. Regenbogenmalmaschine. Geben mir so mehr Zeit zum Nachdenken und zum Träumen. Während ich meine Aufzeichnungen durchblättere und ihren Gefühlen lausche, welche sie über ihre Instrumente zum Ausdruck bringen, rufe ich mir ihre Auftritte ins Gedächtnis. Vor zwei Jahren Im Ursprung mit Traveller’s Diary in Rostock, auf der Hanse Sail 2013 und nicht zuletzt ihr Support bei der Jazzkantine.

Die Tatsache, dass sie alle auf unterschiedlichen Wegen zu ihrem Instrument gefunden haben. Axel als Beispiel hatte mit Klavier begonnen und wurde dann durch eigene Interessen aufs Schlagzeug aufmerksam. Johannes hingegen war Sohn eines Kruzianerchormitgliedes aus Dresden und so blieb ihm fast keine andere Möglichkeit, als den Weg eines Sängers einzuschlagen. Während ich weiter in meinen Notizen stöbere, schlängelt sich Ihre Musik in meine Gedanken und mit dem letzten Takt lichtet sich der von ihnen gewobene Nebel und gibt Platz für mehr, mehr Fragen von mir und mehr Antworten von ihnen.

Antje Benda:

Ihr seid gerade in den Vorbereitungen für eure anstehende Konzertreise und werdet am 29.08. auch den Mau Club in Rostock besuchen. Dort präsentiert ihr unter anderem eure neue EP, die zwar noch nicht ganz fertig ist, aber eine gute Grundlage bietet. Wie waren Produktion und Proben für euch rückblickend?

Johannes Meißner: 

Bei der Produktion kannst du alles machen und noch mal wiederholen. Das hat sich auch ziemlich lange gezogen, weil es bei einer Band nicht nur um eine Meinung geht, sondern um vier in unserem Fall. Es muss sich eben alles ein bisschen finden, bis man seinen eigenen Sound hat. Genau so etwas entwickelt sich halt, wenn man aufnimmt und darüber redet. Wir haben zum Teil mit einem Produzenten in Hannover zusammen gearbeitet Mirco Hoffmann aus den Horus Studios und dann haben wir mit Mark Reinke ebenfalls noch Lieder aufgenommen. Einem Wahnsinns Jazzmusiker und Pianist. Beide ganz unterschiedliche Musiker, aber geile unterschiedliche musikalische Meinungen.

Antje Benda:

Hier in Laage seid ihr jetzt und probt wahrscheinlich den ganzen Tag, wieso macht ihr das und vor allem warum in Laage?

Johannes Meißner:

Der Vater meines Gesangsschülers ist Pfarrer hier und macht ganz viel ehrenamtliche Arbeit mit Jugendlichen. Da hat sich dieses Haus aufgetan und das ist für Musiker einfach perfekt. Hier ist alles, was man braucht. Vielen Dank an Thomas Kretschmann an dieser Stelle.

Antje Benda:

Und wieso genau eine ganze Woche?

Axel Meier:

Wir haben zusammen keinen sozialen Alltag, dadurch das Maxi nach München zurückgegangen ist, um dort zu studieren. Der gemeinsame Lebensmittelpunkt, so wie es früher die HMT war, fehlt leider. So finde ich es gut und wichtig, dass wir uns hier eine Woche lang auch ein bisschen auf den Sack gehen. Zusammen essen und spielen. Dann klappt es auf der Bühne auch besser. Es ist halt schwierig die Entfernung zu überbrücken.

Johannes Meißner:

Find ich gar nicht. Es ist alles eine Sache von Organisation. Man muss halt die Zeit so intensiv wie möglich nutzen. Wir haben das Glück, dass Lena aus der Schweiz und Maxi aus Bayern Lust haben, dafür hoch zu kommen. Was Axel gesagt hat, ist richtig. Wir haben keinen gemeinsamen Lebensmittelpunkt, aber der lässt sich relativ schnell, innerhalb eines Tages, wieder herstellen. Es ist so, als wäre er nie weg gewesen.

Diesen Zusammenhalt zeigen sie stark in ihrer Musik. Da greift der Pinsel auf dem Trommelfell, in das Zupfen des Kontrabasses und die Stimme von Johannes. Die Töne tröpfeln einem den Rücken hinunter und dürsten nach mehr. Wundervoll zusammengefasst hat dies das Projekt „Rostock Rotates“. Christian und Roy Lidtke haben ein Portrait über die Band gedreht und vor kurzer Zeit auf rok-TV ausstrahlen lassen. Der Moment in dem ich die Musik von Johannes Meissner für mich entdeckte und erneut lernte mit meinen Augen und Ohren Regenbögen zu malen.

[http://www.youtube.com/watch?v=2VAqMSZ6jpU]

Tut euch also selbst einen Gefallen und geht auf ihr Konzert. In Rostock wird übrigens RANY ihr Support sein und zahlreiche Gastmusiker ihr Programm bereichern. Weitere Taten über die Band und ein Teil von dem was sie sind, findet ihr unter https://de-de.facebook.com/johannesmeissner .