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Pavel und sein Fischerklavier

Ich möchte Euch die Geschichte von Pavel erzählen, der jeden Freitag an der Ecke vorm Kaufhaus „Nimmesdir“ sitzt und seine Lieder singt. Jeden Freitag sitzt er mit seinem Fischerklavier da und singt von 15:07 Uhr bis 17:36 Uhr, ohne dass er Geld sammelt oder um Essen bittet. Er sitzt und erzählt mit seinen Liedern Geschichten von fernen Ländern und unbekannten Menschen, die seinen Weg einst streiften.

In irgendeinem Winter an einem Freitag vor dem vierten Advent kam ein kleiner Junge zu Pavel, gerade als er von seiner eigenen Kindheit sang und voll Leidenschaft in die alten Tasten haute. „Hallo, ich bin Julius!“, sagte der Dreinasehoch und schaute Pavel mit großen Kulleraugen an. „Hallo Julius, es freut mich dich kennen zu lernen“, sagte Pavel mit kratziger Stimme, zog seinen Lederhandschuh aus und schüttelte dem Jungen zur Begrüßung die Hand. „Ich bin Pavel. Was kann ich Gutes für dich tun?“ Julius schaute zunächst etwas verlegen. Scheinbar hatte ihn sein anfänglicher Mut verlassen. Er drehte mit seinen gelben Gummistiefeln im Matsch des Schnees, grinste Pavel an und traute sich dann doch! „Ich will gern wissen, warum du Freitags immer hier bist?!“ „Weil ich gerne singe.“ „Und warum gehst du dann nicht in einen Chor und singst da?“ „Weil ich gern alleine singe.“ „Und warum …?“ So ging das Spiel eine ganze Weile bis Julius heraus gefunden hatte, dass Pavel viele seiner Lieder von seiner Großmutter kannte oder selber spontan erfand. Dass Pavel fünf Geschwister und die schönste Frau der Welt geheiratet hatte. Das wollte Julius aber nicht so recht glauben, weil sein Vater, dass von seiner Mutter auch immer erzählte und ihr dann einen Kuss auf die Nase gab. Pavels Frau war allerdings schon bei den Sternen. Also war sie wohl die schönste Frau auf der Erde bis sie in den Himmel gegangen ist. Jetzt hat den Job Julius Mutter. Zudem erfuhr Julius, dass die zwei Kinder von Pavel sehr erfolgreich waren und er sie dadurch nur selten sah.

„Pavel?“ Julius saß mittlerweile neben dem alten Mann, der mehr Falten hatte, als Julius zählen konnte. „Und warum bist du jetzt immer Freitags hier? Und vor allem nächsten Freitag, da ist doch Weihnachten.“ Pavel streichelte Julius amüsiert über den Kopf. „Ich bin immer zur gleichen Zeit am gleichen Tag hier, damit du weißt, wann du herkommen kannst und mir jederzeit Löcher in den Bauch fragen kannst. Und ja, auch nächsten Freitag bin ich hier. Ich werde mit meinen Kindern eine dicke Weihnachtsgans verputzen und dann pünktlich um 15:07 Uhr mein Fischerklavier raus holen und meine Lieder singen.“ „Aber Pavel, wer soll dir zuhören, es sind doch alle bei ihren Familien?“ „Bist du dir da sicher?“, fragte Pavel und senkte seinen Blick. „Ja, klar!“, sagte Julius irritiert. „Dann, lass mich spielen.“ Pavel nahm sein Instrument und stimmte ein Lied an, das Wärme in sich trug und den Platz vor dem Kaufhaus ein bisschen zugänglicher machte. Julius schwieg und schaute sich um. Ein Mann blieb stehen und suchte die nächstmögliche Bank. Er setzte sich, überschlug die Beine und wippte ganz unauffällig zur Musik mit. Pavel neigte sich zu Julius und sprach während er weiter spielte: „Das ist Michael. Er hat zwar eine große Familie, doch keiner redet mehr mit ihm. Er wird zum Beispiel Freitag hier sein.“ Dann schob eine Frau in zerfledderter Kleidung einen rostigen Einkaufswagen an ihnen vorbei. Sie muffelte nach alten Socken, wie Julius fand. „Hallo Pavel“, sagte sie und hustete dabei aus Leibeskräften. „Sie wird auch da sein. Das Leben hat es nicht gut mit ihr gemeint.“ Pavel begann wieder zu singen. Julius staunte.

Immer wieder blieben Menschen stehen, lauschten und gingen weiter. Pavel konnte zu vielen etwas erzählen. Julius war wohl nicht der Einzige, der mutig war und mit Pavel sprach. Ab und an kam jemand und wollte Pavel Geld, einen Kaffee oder Essen bringen, doch er lehnte ab. Dann war es 17:36 Uhr. Pavel stand auf und packte sein Fischerklavier ein. „Pavel?“ „Ja, Julius.“ „Darf ich wieder kommen?“ „Na klar. Ich bin jeden Freitag von 15:07 Uhr bis 17:36 Uhr hier, vor dem Kaufhaus ‚Nimmesdir‘.“ Pavel verneigte sich vor Julius und zog seinen imaginären Hut. Dann ging er. „Frohe Weihnachten Pavel!“, schrie Julius ihm hinterher. Pavel drehte sich jedoch nicht um, sondern hob nur seinen Arm und winkte kurz. Julius war ganz aufgeregt und wollte sofort nach Hause und davon erzählen. Er wollte wieder kommen und zwar schon am nächsten Freitag mit seiner Familie.

– Ende –

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Es geht weiter: Mit dem Zug nach Prag

Ich weiß nicht genau, wie ich das Gefühl beschreiben sollte, als ich aufwachte. Ich fühlte mich einfach nicht gut. Meine Augen waren trocken und hatten all ihre Flüssigkeit verloren. Mein Kopf war schwer und wummernd. Irgend etwas fehlte mir. Ich wusste nur nicht was. Noch auf dem kalten Boden liegend, sah ich mich um. Der Raum war dunkel, nur ein kleiner Spalt unter einer Tür ließ Licht in den Raum. Ich konnte mich kaum rühren und etwas drückte mir mit aller Macht auf die Brust. Ein schweres Gefühl, dass mir das Atmen nicht gerade einfach machte. Was sollte ich tun. Das Letzte, was noch im meinem benebelten Kopf zu hören war, war dieser Schrei, dieses Singen, dass mir die Sinne nur beim Gedanken daran gleich wieder vernebelte. Ich schlug erneut mit dem Kopf auf und Dunkelheit umgab mich.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen war, doch irgendwann öffnete ich meine Augen und mich umgab Licht. Ein helles Licht, das meine Augen schmerzen ließ. Sie waren noch immer trocken, so wie mein ganzer Körper es war. Ausgetrocknet von den letzten Minuten, Stunden oder gar Tagen? Ich wusste es nicht. Aber im Gegensatz zum letzten Mal konnte ich mich nun bewegen. Ich stützte mich ab und erhob langsam meinen Oberkörper. Je länger meine Augen geöffnet waren, desto besser konnte ich das Licht ertragen, dass irgendwann nicht mehr brannte. Ich nahm Konturen wahr. Einen Schrank, eine grüne Topfpflanze und ein Glas Wasser, das neben mir auf dem Boden stand. Wo war ich nur. Der ganze Raum war erleuchtet, man könnte sogar grell sagen, aber ich konnte keine Lichtquelle ausmachen. Weder ein Fenster, noch eine Kerze oder Lampe an der Decke. Ich zog meinen Körper zu dem Glas, meine Beine waren wie taub. Es schien, als ob meine untere Körperhälfte noch schlief, noch nicht die Kraft hatte mich zu halten. Aber ich hatte Durst. Meine Kehle war trocken, meine Augen brannten und selbst meine Haut fühlte sich spröde an. Also griff ich mit der Kraft, die ich hatte, nach dem Glas und konnte es kaum glauben. Da war nichts. Wie ein durch Hologramm griff ich hindurch. Während ich immer wieder versuchte das Glas zu packen, ertönte bei jedem Griff ein kleines Surren, so als würde ich eine elektrische Verbindung kappen. Nein. Nein. Nein. Das konnte nicht wahr sein. Ich griff erneut zu, doch bis auf das Surren, gab es keine Reaktion. Tränen schossen mir in die Augen, Panik machte sich in meinem Kopf breit und krampfte sich mit vollster Kraft um mein Herz. Was sollte ich nur tun. Es dauerte einige Zeit, doch ich beruhigte mich. Mein Atmen wurde wieder flacher, ich wischte mir mit dem Handrücken die salzigen Spuren vom Gesicht und setzte mich. Meine Beine waren noch immer taub. Mein Kopf aber wieder klar und hellwach. Ich blickte mich um. Ein Raum hell, doch ohne Licht. Ein Schrank, eine Topfpflanze und ein Glas Wasser, das keines war. Wo war ich? Mir war bewusst, dass die Alte aus dem Café eine tragende Rolle bei dem Szenario hatte. Ihre stumpfe Gestalt erschien mir vor Augen. Der Gesang klang mir in den Ohren und die Frau am Nachbartisch blitzte auf. Was hatte ich getan, dass ich auf einmal hier war. Womit hatte ich ihre Aufmerksamkeit erregt. Oder waren sie es vielleicht am Ende doch nicht?

„Können Sie sich hinstellen?“ Eine weiche Frauenstimme erklang, aber kein Körper. Ich war irritiert. Aus meinen Gedanken gerissen, versuchte ich die Tonquelle auszumachen. „Können Sie aufstehen“, wiederholte die gesichtslose Frauenstimme. Ich versuchte meine Beine zu bewegen. Erfolglos. „Nein. Wo sind sie? Wo bin ich? Was soll das hier?“ Es blieb stumm. Plötzlich öffnete sich die sonst öffnungslose Wand. Die Frau aus dem Café stand da. Nicht die Alte, sondern die mit den roten Haaren. Ihre Augen waren nun nicht mehr mit einer Brille verborgen, sondern sie schimmerten mich in einem unbeschreiblichen Smaragdgrün an. Sie lächelte, hielt ein Glas Wasser in der einen und ein Stück Brot in der anderen Hand. Sie stellte es dicht neben das Hologramm und verschwand wieder. Ich war wie erstarrt. Es dauerte einige Augenblicke bis ich mich gesammelt hatte. Was war hier los, was war mit mir los. Warum hatte ich sie nicht gefragt, was hier los war. Ich blickte auf das Stück Brot und das Wasser. In diesem Moment war es mir egal, ich wollte nur meinen Durst und meinen Hunger stillen. Wollte wieder zu Kräften kommen und danach versuchen mein Gefängnis aus weißem Licht zu verlassen. Ich packte nach dem Brot und schlang es im Wechsel mit dem Wasser herunter. Ich aß so schnell, dass ich kurzzeitig würgen musste, da mein Körper die Nahrung nicht so schnell aufnehmen konnte. Irgendwann hatte ich alles hinunter geschlungen und viel satt zurück auf den Boden. Ich hatte geschlungen, gar gefressen und nicht einen Tropfen oder ein Stück Brot zurück gelassen. Vielleicht hätte ich es mir doch eher einteilen sollen. Ich schlummerte ein.

Meine Augen schlugen auf. Wieder war ich woanders. In einem Hotelzimmer? In einem Hotelzimmer mit Blümchentapete. Ich blickte mich um, schaute an mir herunter und fand mich im Bett liegend vor, zugedeckt mit einer ebenfalls geblümten Decke. Ich bewegte mich, es ging alles ohne große Mühe. Mein Kopf schmerzte zwar noch etwas, aber ich konnte mich bewegen. Ich strampelte mich aus der Decke und sprang aus dem Bett. Ich schaute mich weiter um: ein ganz normales Zimmer. Ein Bett für eine Person, ein Schrank, ein Nachttisch und eine Tür, die, wie ich nach meiner Inspektion feststellte, ins eigene kleine Bad mit Dusche und Toilette führte. Es gab auch eine Tür, die es mir erlaubte das Zimmer zu verlassen. Ich griff nach dem Drücker und zog sie auf. Es ging. Mein Kopf wurde überflutet von Gefühlen, von Empfindungen, die Euphorie und Erleichterung schrien. Ich streckte meinen Kopf vorsichtig durch einen Spalt, schließlich wusste ich nicht, was auf der anderen Seite zu finden war. Ich blickte also hinaus: ein Flur. Nicht mehr und nicht weniger. Gegenüber öffnete sich eine Tür. Ich starrte sie an und den Mann, der sie öffnete. Er was groß, trug einen Bart und schaute mich etwas verwirrt an. „Ist bei ihnen alles in Ordnung?“ Ich merkte wie ich zu schwitzen begann und meine Wangen sich rot verfärbten. „Ähm“, war alles was ich heraus bekam, dann zog ich meinen Kopf zurück ins Zimmer, schlug die Tür zu, drehte mich um und rutschte mit meinem Rücken an ihr herunter. „Was zum Teufel geht hier vor?“

Der Anfang

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Die Geschichte von Annabell im Park

Der Wind wehte kalt durch die Straßen der Stadt. Der November hatte Einzug gehalten und der Sommer war nur noch ein laues Lüftchen in den Gedanken der Menschen. An der Ostküste von Deutschland bedeutete das in der Regel viel Regen, wenig Sonne und feuchten kalten Wind. Unter diesen Bedingungen musste Annabell ihre Wohnung verlassen. Bewaffnet mit schwarzen Boots, einer Jeans, einem Dicken Pulli und Schall machte sie sich gemeinsam mit ihrem Hund auf in Richtung Park. Es war Nachmittag und die Straßen in dieser klein großen Stadt mäßig befahren. Was aber nicht bedeutete, dass Anna (Kurzform von Annabell) nicht trotzdem einen Fahrer anschrie, der sie fast angefahren hätte. Er war zu schnell gewesen, hatte telefoniert und beim Abbiegen nur auf seinen Weg geschaut. So hatte er Anna fast übersehen, die gerade noch zurück auf den Bordstein springen konnte. Es war zum Haare raufen, aber nun auch schon wieder fünf Minuten her und der Zorn verflogen. Annabell kickte einen Stein vor sich her, während sie mit Brutus durch die Wege des Park schlenderte. Der Wind wehte durch ihre braunen Locken und führte dazu, dass durch die Kälte ihre Nase etwas lief. Es ist schon merkwürdig dachte sie, hier an der Küste dauert der Sommer gefühlt 3 Tage und die restliche Zeit regnet es. Warum zum Geier war sie noch nicht nach Honolulu oder Tahiti ausgewandert. Warum schlenderte sie an einem kalten Nachmittag mit Brutus, den sie noch nicht mal wirklich mochte, durch den Park. Sie verzog das Gesicht und beäugte die kleine Fußhupe genauer.

Brutus war ein kontinentaler Zwergspaniel und zeichnete sich durch sein weißes Fell und die braunen Ohren aus. Ansonsten war er ziemlich klein und nervig. Annabell hatte das Tier von ihrer Mutter zum Studien Abschluss bekommen. Sie hatte Germanistik studiert und war klassisches Mittelfeld. Aber mehr brauchte man in dieser Gesellschaft auch nicht, wenn man einen Job will. Ein Stück Papier auf dem Stand: Bestanden. Der Rest war dann Charisma, die richtigen Kontakte und praktische Fähigkeiten. Sie dachte zurück wie ihre Mutter mit dem Hund vor ihr stand und sie anlächelte. „Alles Liebe meine Kleine. Ich bin so stolz auf dich. Als Geschenk bekommst du den kleinen Mann hier. Dann bist du nie allein. Er heißt Brutus.“ Es war ja lieb gemeint von ihrer Mutter, doch zu Brutus fehlten ihr eindeutig die lackierten überlangen Fingernägel in pink und eine Dauerwelle, die nach den 80er Jahren schrie. Schnaufend ging sie weiter und zog Brutus mit sich durch den Park. Er hatte irgendetwas im Gebüsch entdeckt und zerrte nun wie verrückt an seiner Leine. „Brutus, komm und lass den Scheiß. Hast du schon mal in den Himmel geschaut. Es fängt gleich an zu regnen.“ Annabell sprach mittlerweile mit ihm, wie mit einem Menschen. Er gehörte halt jetzt zu ihr, auch wenn das Äußere was anderes sagte. Irgendwann gab Brutus nach und lief wieder geradeaus. Annabell ließ die Leine locker und spazierte ihm nach. Sie liefen knapp eine Stunde, bevor Anna merkte, dass sie eine Pause brauchte. Ein Blick in den Himmel sagte ihr, dass sich die Wolken und somit der Regen verzogen hatten. In der Nähe stand eine Bank, welche mit Tags und Vogelkacke überzogen war. Sie fand jedoch eine Nische darauf, welche für sie und ihren Hintern gut geeignet schien. Sie setze sich nieder und kramte in ihrer hinteren Hosentasche. Hervor kam eine kleine Tasche mit Tabak, Filtern und Blättchen für Zigaretten. Es dauerte nicht lange und sie hatte sich eine Zigarette gedreht. Ihr Kumpel Paul hätte dazu gesagt „Deine sind immer so fluffig.“ Sie musste schmunzeln und zündete sich die Kippe an. Nahm einen Zug und lehnte sich zurück. Im ersten Moment der Entspannung kam Brutus auf sie zugeschossen und sprang an ihr auf. Ein sicheres Zeichen, dass er wild und allein durch die Gegend ströpern wollte. Annabell schaute sich um, ob in der Nähe ängstliche Mitmenschen waren und ließ Brutus schließlich von der Leine. Insgeheim konnte sie sich nicht vorstellen, dass es Menschen gab, die vor dieser Kreatur Angst hatten. Er war ja noch nicht mal so groß wie eine Barbiepuppe. Wem sollte er etwas tun. Annabell lehnte sich zurück und genoss für einen Moment die Nachmittagssonne, die durch die Wolken gebrochen war. Sie kitzelte warm über ihre Haut und brachte sie kurz zum Niesen. Naja, niesen war untertrieben, es war mehr ein inbrünstiges Aufschreien, dass die Vögel von den Bäumen vertrieb.

Annabell musste Schmunzeln und rieb sich die Nase. Im selben Moment hörte sie eine Stimme. „Mensch Anna. Ich hatte dich fast nicht bemerkt, wenn du nicht so genießt hättest. Gesundheit! Obwohl, laut neuem Knigge musst du dich ja entschuldigen. HiHi.“ Vor ihr stand Marianne. Marianne hatte lange Zeit mit Annabell zusammen studiert. War aber erfolgreichen und nerviger in dem was sie tat. Immer erste Reihe und immer ganz tief im Anus des entsprechenden Dozenten. Es war ein Graus. Und jetzt stand sie vor Annabell mit einem fetten Grinsen und einem „Hihi“ im Gesicht. „Ja, eh Entschuldigung!“, räusperte sich Annabell und setzte sich gerade auf die Bank. Sie schaute Marianne an. Wie perfekt sie aussah, groß und schlank. „Na, was treibst du hier so? Ich für meinen Teil bin gerade joggen, um die überflüssigen Pfunde abzutrainieren. Du weißt ja, bald ist Weihnachten und am Ende möchte man ja nicht selbst die gemästete Gans sein.“ Annabell verdrehte die Augen. Sie musste daran denken, was sie heute getan hatte. Aufgestanden und Frühstück gegessen. Kurz in die Stadt mit Paul auf einen Kaffee. Mittag gegessen mit einem Geschäftskontakt. Kleines Nickerchen und jetzt hier mit Brutus. Wenn sie jetzt noch anfangen sollte jeden Tag joggen zu gehen, dann hätte sie keine ruhige Minute mehr für sich. Und so ein bisschen sexuelle Schwungmaße ist auch kein Weltuntergang. Sie schaute Marianne an und sagte: „Ich bin gerade mit Brutus unterwegs. Er brauch ja so seinen Auslauf.“ Marianne nickte und schaute von links nach rechts. „Sag mal hast du das von Conny schon gehört? Eigentlich tratsche ich ja nicht, aber das kann ich einfach nicht für mich behalten.“ Annabell schaute sie an und grübelte. Konnte Marianne sich nicht erinnern, dass Conny eine ihrer besten Freundinnen war und sie schon durch Feuer und Dosenbier gewartet sind. Will sie ihr jetzt wirklich irgend einen Scheiß erzählen, den sie wenn dann schon kennt oder spätestens in den nächsten Stunden erfährt. Gesetz dem Fall es ist wirklich wichtig. Annabell holte Luft und wollte gerade Marianne erklären, dass es sie nicht interessierte, als ihr Handy klingelte. Marianne ging ran. „Ja her Professor Müller?!“ Ihre Stimme wurde ganz säuselich und sie begann dem Professor verbal in den Arsch zu kriechen. Annabell schaute sie an und fragte sich, ob es für so was ein extra Gleitmittel gab oder ob sich der Schließmuskel des Professors ganz von alleine öffnen konnte und sich auf Weite brachte, wenn geifernde Doktoranden (Ja, Marianne war Doktorandin.) sich nähernden. Es war einfach Zuviel. Sie drückte den Rest ihrer Kippe unter ihren schwarzen Stiefeln aus und stand auf. Hob noch die Hand zum Abschied und ging dann los. Marianne schaute ihr verwirrt hinterher. Annabell zeigte auf ihre nicht existierende Uhr, drehte sich um und ging tiefer in den Park hinein.

Erst Minuten später viel ihr ein, dass sie Brutus vergessen hatte. Sie wollte sich gerade umdrehen, als ein Scharren neben ihr zu hören war. Sie schaute nach links und sah, dass sich das Laub neben ihr bewegte. Ein fast Kniehoher Berg aus zusammengetragenen rotbraunen Blättern bewegte sich und machte Geräusche wie eine hustende Katze. Annabell ahnte schon was oder besser wer das war. Unter dem Berg von Blättern befand sich Brutus, der mit einer toten Maus spielte. Wie widerlich. Annabell suchte einen Stock und versuchte mit diesem Brutus die Maus zu entreißen, doch der kleine Giftzwerg wehrte sich vehement. „Lass los. Ich habe keine Lust dir dieses Ding mit den Fingern zu entreißen.“ Ein Kampf zwischen David und Goliath entbrannte und auch hier sollte Goliath den Kürzeren ziehen. Brutus ließ kurz die Maus fallen. Biss mit Leibeskraft in den Stock und entwickelte Kräfte die einem Elefanten gleich kamen. Fast sah diese kleine Ratte wie ein ausgewachsener Kampfhund aus. Der Stock wurde Annabell aus den Händen gerissen und sie blieb erstaunt stehen. Dann nahm Brutus die Maus wieder ins Maul und flitze davon. Verdattert blieb die junge Frau zurück und wunderte sich über diesen kleinen Kampfzwerg. Es waren wohl nur einige Sekunden bis Annabell aus ihrer Schockstarre wieder erwachte und die Verfolgung aufnahm. Sie lief den Weg zurück, den sie gekommen waren. Brutus hatte zwar ein paar Schlenker gemacht, aber war auf dem gleichen Weg zurück gerannt. Anna konnte dies sehen, weil die Fläche eben war und nur kleine Hügelchen ihr ab und an die Sicht versperrten. Kurz bevor sie an der Bank ankam, an welcher sie sich mit Marianne unterhalten hatte, blieb sie stehen. Ihre Augen wurden ganz groß und wären fast aus den Höhlen getreten. Marianne stand hüpfend vor der Bank und an ihrem Bein hing Brutus. Annabell musste sich das Lachen verkneifen, denn ihr kleiner Spaniel verwechselte Mariannes Bein gerade mit einem liebestollen Gegenstück. Quickend rieb er sich an ihrem Bein. Sie schrie und versuchte durch Schütteln, das Untier von sich zu weisen. Ähnlich mussten sich das ein um das andere ihre Dozenten gefühlt haben. Vielleicht war diese Situation ganz lehrreich, dachte Annabell während sie amüsiert der Szenerie ihre Aufmerksamkeit schenkte. Irgendwann hatte sie Mitleid und eilte auf die Beiden zu. „Brutus aus. Was machst du denn da?“ Sie packte ihn und legte ihm die Leine an. „Was ist denn mit diesem Vieh los. Hast du den nicht erzogen oder warum verwechselt er mein Bein mit einem Pfiffi?!“ Wütend starrte Marianne Annabell an und wischte sich die Stelle am Bein, die Brutus zuvor mit Hingabe penetriert hatte. Annabell schmunzelte, „Er weiß es halt nicht besser. Es tut mir leid. Du, ich muss dann auch weiter. Habe noch einen Termin.“ Mit dem Hund unterm Arm verschwand Annabell im Stechschritt und ließ Marianne stehen.

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Die Geschichte von Tilly und dem gelben Esel

„Nein“, brüllt sie. „Nein, das ziept in meinen Haaren!“, brüllt sie noch lauter und zappelt auf dem Schoß ihrer Mutter herum. Tilly ist fünf Jahre alt, hat kleine braune Locken und grüne Augen, die vor Wut funkeln. Frisch gewaschen, sitzt sie in ihrem blauen Schlafanzug mit den Wolken drauf auf ihrem Bett und erträgt wie ihre Mutter ihr die nassen Haare versucht zu kämmen. „Nein, ich will das nicht.“ Ihre Mutter stöhnt auf, verdreht die Augen und erwidert „Tilly, du kleiner Satansbraten, halt bitte still. Wir müssen deine Haare nach dem waschen kämen, sonst verfilzen sie und wir müssen sie abschneiden.“ Bockig verschränkt Tilly die Arme vor ihrer Brust und zieht eine Schnutte. Eine ganze Minute hält sie schnaubend still, bevor sie von dem Schoß ihrer Mutter aufspringt und durch ihr Zimmer rennt. „Mama, können wir jetzt noch spielen?“ „Nein, Tilly. Du darfst noch eine Märchen hören oder Buch lesen. Aber wir rennen jetzt nicht mehr durch die Wohnung.“ Mit diesen Worten steht Tillys Mutter vom Bett auf und geht Richtung Fenster. Draußen ist es noch hell, weil der Sommer gerade erst richtig begonnen hat, doch als fünf Jährige muss man trotzdem um acht ins Bett. Das stinkt Tilly gewaltig. Sie freut sich schon darauf endlich groß zu sein und dann auch abends noch durchs Haus laufen zu dürfen. Während sie an die glorreichen Tage in nahender Zukunft denkt, zieht ihre Mutter mit einem „Ratsch“ die Gardinen zu, dreht sich um und schnappt sich mit einer nichts ahnenden Bewegung das kleine Mädchen. Im nächsten Moment liegt sie unter der Decke und ihre Mutter schaut sie fragend an. „Was möchtest du?“ Tilly verzieht das Gesicht. „Ganz ehrlich?“ „Ja ganz ehrlich!“, wiederholt ihre Mutter schmunzelnd. „Ich möchte noch nichts ins Bett, sondern mit Papa und dir spielen. Wie wär es mit Fußball?“ Tillys Mama lächelt, schüttelt den Kopf und stellt eine Gutenachtgeschichte an. „Aber ich bin doch gar nicht müde.“ Tillys Mama ignoriert das, gibt ihr einen Kuss auf die Stirn und sagt: „Das kommt schon noch und jetzt hör auf so eine Schnutte zu ziehen, damit kriegst du Papa vielleicht rum, aber mich bestimmt nicht.“ Tilly grummelt noch etwas, sagt dann aber gute Nacht und dreht sich mit dem Gesicht zur Wand.

Ihre Mama hat ihr die Geschichte vom gelben Esel angemacht. Der gelbe Esel ist tolpatschich und immer fröhlich. Während Tilly über seine Abenteuer nachdenkt, fallen ihr auch schon die kleinen Augen zu. Nach ein paar Minuten fängt ihre Nase an zu jucken. Sie wischt leicht rüber, etwas verwirrt ohne jedoch die Augen auf zuschlagen. Plötzlich huscht erneut etwas über ihre Nase, nun schlägt Tilly ihre Augen auf und fällt fast aus ihrem Bett. Vor ihr steht der gelbe Esel. Er grinst breit auf sie herab. „Hallo Tilly“, sagt er freudig und stupst sie mit seinem linken vorderen Fuß an. „Mein Name ist Jerome.“ Etwas verstört und mit sausligem Haar setzt sich Tilly auf und schaut den gelben Esel Jereome an. Leicht legt sie ihren Kopf schief und schaut auf seinen Gesicht, sofern man es so bezeichnen möchte, sein Fell und seine Hufe. Plötzlich blitzen ihre Augen auf. „Sage mal, wieso bist du eigentlich gelb?“ Der Esel schaut sie etwas verduzt an, räuspert sich amüsiert und antwortet: „Ich dachte du stellst eher solche Fragen, wie: Wieso kannst du reden? Was machst du in meinem Zimmer oder Verdammt, wieso ist dein Fell so samtig weich? Aber hey, jeder hat so seine eigenen Gedanken.“ „Ähm“, ist alles was Tilly erwiedern kann. „Ich bin als kleiner Dicker Esel in einen Zaubertopf gefallen, nein ich weiß falsche Gesichte. Kennst du den Ort wo Seifenblasen niemals platzen, bunte Knete an Bäumen wächst und Bauklötzer Beine haben.“ Tilly schüttelt, immer noch etwas irritiert, den Kopf. Der Esel schmunzelt, beugt sich zu ihrem Ohr und sagt: „Das ist der Ort, wo sie mich gelb angemalt, mir eine Stimme gegeben und mein Fell nach dem Waschen immer gekämmt haben.“ Tilly zieht ihren Oberkörper zurück, verschrenkt ihre Arme vor der Brust und zieht eine Augenbraue hoch. „Willst du mir jetzt etwa erzählen, dass ich mir die Haare nach dem Waschen kämmen soll?“ „Na, fass doch mein Fell an!“, sagt der Esel und tritt dabei einen Schritt vom Bett zurück. Erst zögert das kleine Mädchen, strickt dann jedoch ihren Arm aus und greift nach dem Esel. Der Abstand zwischen ihr und Jerome ist jedoch zu groß und so fällt sie mit einem Knall auf den Boden. In diesem Moment springt ihre Zimmertür auf und ihre Mutter steht vor ihr. „Was ist passiert?“ Verschlafen reibt Tilly sich die Augen und faselt verwirrt „Jerome, Haare … so weich.“ Danach fallen ihre Augen zu. Ihre Mutter hebt sie auf und legt sie zurück ins Bett. Ein leichtes Grunzen kommt noch aus dem kleinen Mädchen, bevor sie wieder anfängt zu träumen. Zu träumen von Jerome, dem gelben Esel.