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Frohe Weihnachten: Manchmal ist die kleinste Welt die größte

2017 war ein aufregendes Jahr für mich und wohl auch für Euch:
Nach fast drei Jahren als Musikchefin bei Radio LOHRO habe ich mich Anfang des Jahres
auf den Weg in die Selbständigkeit gemacht.
Und ich kann es bestätigen: selbst und ständig ist man am Arbeiten!

Als freie Journalistin, Autorin und Dozentin verdiene ich seit fast einem Jahr
meine „Brötchen“ und sammle jeden Tag neue Erfahrungen.
Bereue ich es? Kein Stück! 

Neue Projekte, neue Menschen und natürlich neue Herausforderungen
machen meinen Arbeitsalltag abwechslungsreich und flexibel.
Ich freue mich auf ein aufregendes Jahr 2018!

Feliz Navidad wünsche ich Euch allen!

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Die friedlichen Segler auf der Hanse Sail

Der Hafen war schon immer das Drehkreuz des Handels und Treffpunkt von Nationen. Heute wird in Rostock zwar mehr der Tourismus betrieben, aber auch dieser bringt Vielfalt und neues Leben in die Hansestadt. Unter der Fahne der Hanse wurde dies zwischen dem 12. und 17. Jahrhundert weitaus größer aufgezogen, als wir es kennen. Das Team der Hanse Sail versucht diesen Gedanken wieder in die Köpfe der Menschen zu bringen. Sie möchten die Traditionen des fairen Handels zu neuem kraftvollen Leben erwecken und zur Verständigung der Völker beitragen. Aus diesem Grund kommen auch dieses Jahr Schiffe aus längst vergangenen Zeiten und fernen Ländern nach Rostock, werden den Hafen ansteuern und ein altes, aber vertrautes, Gefühl zurück an die Kai-Kanten vom Stadthafen und Warnemünde tragen. Am weitesten dafür gereist, ist das brasilianische Marineschiff „Cisne Branco“, welches sich gerade auf einem Europa-Turn befindet. Hinzu kommt die „Nordlys“, die zum ersten Mal die Hanse Sail ansteuert. Das Besondere des 1873 gebauten Kutters ist, dass er bis heute keinen motorisierten Antrieb besitzt. Das Frachtschiff wird seinen an Bord gelagerten französischen Wein allein mit Kraft der Fairtransport-Segel in die Stadt transportieren. Der Green-Transport-Segler möchte darauf aufmerksam machen, dass das was wir verbrauchen, meist auch weite Wege zurück legt und dadurch eine enorme Energiebilanz produziert. Fairtransport wird zusätzlich auf der Hanse Sail durch das Fairtrade Café auf den Hafenterrassen der Innenstadt unterstützt. Höhe des Restaurants „Carlo 615“ wird dann der Wein der „Nordlys“ zu fairen Preisen verkauft.

Insgesamt zwölf Nationen sind auf der Hanse Sail in Rostock und Warnemünde mit Seglern zu sehen.

Segelstadion: Wasserrutsche, Bootsrennen und Badeschlüpfer

Auch in 2017 werden sich neben den Großseglern kleine Sportboote zu Wettkämpfen einfinden. Im sogenannten „Segelstadion“ im Stadthafen (Bereich ehemalige Neptun-Werft) sollen über vier Tage leicht nachvollziehbare Wettkämpfe auf dem Wasser stattfinden. Vorteil der kleinen Boote ist, dass sie auch bei geringen Windstärken eine gute Fahrtkraft bringen. Neben den Rostockern wird auch die Partnerstadt Bremen mit aufs Wasser gehen. Hinzu kommt das Team der Segel Bundesliga, Segler aus Tschechien (hier heißt es sechzig Jahre Partnerschaft), Riga (Hauptstadt Lettland) wird ebenfalls vertreten sein, Gdansk (Danzig) und ein Team aus Rheinland-Pfalz (Nationales Partnerland 2017).

Wer allerdings gern selbst einen nassen Hintern haben möchte, sollte sich seinen Badeschlüpfer einpacken. Eine Abkühlung bietet eine der längsten Wasserrutschen der Welt Höhe der Neptun Werft. Möglichkeiten zum Umziehen und Tasche halten gibt es auch. Wer jetzt aber denkt: „Oh mein Gott, in die Warnow möchte ich aber nicht Plumpsen.“ Der sei an dieser Stelle beruhigt. Das Organisationsteam der Hanse Sail stellt zur Sicherheit Taucher zu Verfügung. Landen werdet ihr aber in der Warnow nicht. Gestoppt wird man nämlich von einer gummiähnlichen Bremswand.

Da waren sie wieder: Musik, Tanzen und Alkohol

Zur weiteren Unterhaltung sollte ein Blick auf die zahlreichen Bühnen geworfen werden. Unterhalter für Omas Hörgerät, Papas wippenden Fuß oder die Schleudermähne von Karlchen. Neun Bereiche spielen auf und präsentieren unter anderem die britische 1990er Jahre Boyband „East 17“ auf der Hanse Sail Bühne, die Rock, Pop, Punk-Poeten „Milliarden“ auf der Rostocker Bühne am M.A.U. – Club und maritimen Folk von „Virgin Sugar“ im Fairtrade Café.

Was das Feiern und Tanzen immer mitbringt, ist der steigende Konsum von Alkohol. In der heutigen Zeit – geprägt von terroristischen Anschlägen – wird eine Massenveranstaltung wie die Hanse Sail zudem anders betrachtet. Man stellt sich die Frage: „Wie sicher ist man eigentlich noch?“ Eine richtige Antwort gibt es darauf nicht. Das Team der Hanse Sail bereitet sich mit ihrem Sicherheitskonzept jedoch auf alle Eventualitäten vor. Von 2013 bis 2016 wurde an dem Konzept gearbeitet und 2016 das erste Mal umgesetzt.

Gemeinsam gegen Terrorismus und politische Konventionen

Die Hanse Sail ist unterm Strich ein Volksfest und zwölf Nationen werden ihre Flaggen hissen, um unter anderem Gemeinschaft zu demonstrieren. Unter ihnen drei politische Bildungsschiffe aus Russland: die „Kruzenshtern“, die „Sedov“ und die „Mir“. Man könnte sich in Bezug auf ihr Heimatland die Frage stellen, inwieweit die Crew-Mitglieder gemeinsame und friedliche Zusammenarbeit der Welt zeigen? Bereits im Jahr 2002 stellten die Seefahrer ihre Kooperationsbereitschaft unter Beweis. Nach dem 11. September 2001 und den tragischen Anschlägen in New York setzte die „Mir“ auf der Sail ein Zeichen. Der Bedeutung ihres Namens folgend, propagierte sie den Frieden und lud viele Menschen der unterschiedlichsten Nationen zu einem Turn auf See ein. Ihr damaliger Aufenthalt wurde um einen Tag verlängert, um dies möglich zu machen. Das durch das Hanse Sail Team angeschobene Projekt und die Umsetzung auf der „Mir“ symbolisierte Einheit und Menschlichkeit in der Welt. Sie stellten sich damals gemeinsam gegen den Terrorismus.

Und wenn man schon über große Taten spricht, sollte man auch auf das zivile Segelschulschiff aus Polen schauen. Die „Dar Mlodziezy“ war schon seit 1991 ein Traum des Hanse Sail Büros. Viele Jahre blieben ihre Bemühungen vergebens. Erst im Zuge des G8-Gipfels 2007 in Heiligendamm sollte sich dies ändern. UNICEF hatte die Idee 74 junge Leute aus aller Welt zu dem J8-Workshop in Wismar einzuladen. Und genau wie die Regierungschefs, sollten sie über bestehende Probleme diskutieren. Damals wurde die „Dar Mlodziezy“ gefragt, ob sie die Jugendlichen während dieser Zeit beherbergen würden und damit zeigen, dass letztlich alle Menschen im selben Boot sitzen würden. Ohne großes Zögern sagte das Schulschiff zu, denn „Dar Mlodziezy“ heißt nichts anderes als „Geschenk der Jugend“. Mit einem Augenzwinkern könnte man wohl sagen: „Sie haben ihren Auftrag erfüllt.“ Bis heute drückt das polnische Dreimastvollschiff seine Dankbarkeit durch ihren Besuch auf der Hanse Sail aus.

Nach der Sail, ist vor der Sail

Für 2018 steht in Rostock nicht nur die 28. Ausgabe des maritimen Tummelplatzes an. Rostock feiert auch 800. Geburtstag und vom 21. bis 24. Juni findet zudem der 38. internationale Hansetag in Rostock statt. Gefeiert werden soll genau das, was die Hanse Sail auch möchte: Fairer Handel, internationale Gemeinschaft und Frieden. Somit wird der Hansetag zum Vorboten für die Hanse Sail 2018. Und diese wäre, wie auch schon in diesem Jahr, ohne das Ehrenamt nicht möglich gewesen. Ein großes Team steht hinter der Veranstaltung und hält sich seit Jahren konstant. Davor sollte man seinen imaginären Hut ziehen. Aber Nachwuchs wird ja bekanntlich immer gesucht. Wer Lust haben sollte nächstes Jahr aktiv mitzuwirken, der kann sich ganz entspannt an das Hanse Sail Büro wenden oder an die zahlreichen Vereine, die auch in diesem Jahr kraftvoll mitgearbeitet haben.

Eine Empfehlung sei natürlich noch an alle ausgesprochen, bevor dieser Text endet: Versucht einen freien Platz auf den zahlreichen Seglern zu bekommen. Geht auf große Fahrt, entdeckt die Schönheit der See und werdet zum Muschelschubser im Herzen.

Mehr Informationen: http://www.hansesail.com

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Mit dem Zug nach Prag … Teil 1

Der Zug ratterte und als ich den Bahnhof von Berlin verließ, blieb ein Gefühl hinter mir, welches ich nicht fassen konnte. Die Sonne stand leuchtend über dem rot-weißen Eurocity Richtung Prag und beobachtete den Weg nach Südosten. Das ebene Land zog bald vorbei und von der Moderne der Großstadt blieb nur noch ein verschwommener Gedanke. Dörfer mit kleinen Häusern wechselten sich mit ebenen Flächen von Grün ab. Irgendwann klopfte ein freundlicher Mann vom Zugpersonal an die Kabine und schob die Tür mit einem Knarren auf. „Wollen Sie einen Kaffee oder Snack?“, fragte er. Der Mann mittleren Alters sprach gebrochenes Deutsch mit  tschechischen Akzent und lächelte mich freundlich an. Die Auswahl war dürftig und der Kaffee roch wässrig. Ich bat ihn um einen Schokoriegel und einen heißen Becher der dunklen Flüssigkeit. „Wohin wollen Sie?“, erkundigte er sich, während er Kaffee in einen Becher füllte. „Ich reise nach Prag und möchte mir die Stadt ansehen.“ Er schmunzelte, reichte mir den Kaffee und erwiderte: „Ja es gibt schöne Dinge in der Stadt zu erleben. Das Tanzende Haus, die Prager Burg und natürlich die vielen Parks.“ Ich nahm den Kaffee entgegen und schaute den Mann an. Sein Haar war dünn und seine Stirn besaß große Geheimratsecken, die seinen haarigen Brauen ausreichend Platz der Entfaltung boten. „Dann kennen Sie garantiert auch das Faust-Haus.“ Sein Kopf erhob sich und er umfasste eine goldene Kette mit Kreuz, die an seinem Hals hing. Er schaute mich an. „Sicher. Ein nettes barockes Gebäude. Man kann es gut von Außen betrachten.“, sagte er und reichte mir den Schokoriegel. Danach holte er sein Portemonnaie aus schwarzem Leder heraus. „3,50 Euro bitte.“ Das Thema war für Ihn erledigt. Ich kramte in meiner Tasche und sprach dabei: „Ich wollte es mir gerne von Innen ansehen. Man soll ja noch alchimistische Zeichen und Symbole in dem Haus finden. Meinen Sie man kommt da so einfach rein?“ Ich reichte ihm einen Zehn Euro Schein und schaute ihn fragend an. Ein Blick aus dem Fenster offenbarte nun graue Wolken, die immer dunkler wurden und die wärmende Sonne verdeckten. „Junges Fräulein, es gibt Dinge, denen man nicht folgen sollte. Schauen sie sich die schöne Stadt an.“ , schloss er, reichte mir mein Wechselgeld und schob seinen Wagen zum nächsten Abteil. Die Wolken waren mittlerweile dunkelgrau, von der Sonne kein Anzeichen. Ich nippte an meinem Kaffee und schmeckte eine bittere Säure, die mir heiß die Kehle herunter floss. Ich verzog mein Gesicht und im nächsten Moment erschrak ich. Am Himmel erschien ein Leuchten, gefolgt vom Grollen, welches die Geräusche des Zuges übertönten. Ich lehnte mich zurück, schaute wie der Regen folgte und seine Tropfen energisch an die Scheibe platschen. Sie nahmen mir die Sicht nach Draußen. Fast blind fuhr ich in die magische Stadt, gelegen an den wilden Wassern der Moldau.

Wir hatten die Grenze passiert und die Landschaft nahm eigentümliche Konturen an. Die Berge am Horizont beugten sich nach unten und verdunkelten die Täler an ihren Füßen. Ich schloss die Augen und öffnete sie erst kurz vor Prag wieder. Kurz bevor das eiserne Ungetüm stoppen sollte, erschien der Zugbegleiter nochmal an der Tür meines Abteils. Sein Gesicht hatte sich verändert. Es war viel blasser als zuvor und seine Augen schimmerten in einer Farbe, die mir das Blut gefrieren ließ. Er kam jedoch nicht herein, sondern blieb vor der verschlossenen Tür stehen und schaute mich nur an. Sein Mund war zu einer schmalen Linie verzogen und zeigte keine Farbe von Rot. Erst in diesem Moment viel mir auf, dass er seine Hand an die Scheibe gelegt hatte und ich auf seiner Innenfläche ein Zeichen erkannte. Es war schwarz, leicht geschwungen und zeigte auf der rechten Seite wie eine Pfeilspitze nach oben. Ich starrte sie an und war wie hypnotisiert. Mein Körper war starr und lediglich mein Atmen bewirkte, dass sich meine Brust hob und senkte. „Next Stop Praha!“, ertönte es über meinen Kopf, doch ich regte mich nicht. Alles schien unwichtig. „Next Stop Praha!“, wiederholte die blecherne Stimme in den Lautsprechern. In diesem Moment löste sich der Zugbegleiter aus seiner Erstarrung, seine Augen wurden klar und erschienen auf einmal von einem satten Grün. Er schüttelte leicht den Kopf, blickte mich an und stutzte. Ich blickte zurück, langsam bewegte auch ich mich wieder, konnte aber meine Verwirrung zunächst nicht in Worte fassen. Er zog die Tür auf, nickte mir freundlich zu und sagte in gebrochenem Deutsch: „Ich wünsche ihnen eine schöne Zeit in Praha. Genießen sie die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten.“ Ich erhob mich, während ich ihn anstarrte und nahm meine Tasche. „Was war das gerade?“, fragte ich immer noch verunsichert. „Was meinen Sie?“ „Das Zeichen auf ihrer Hand, ihr Blick, ihre Haut?“ „Ich weiß nicht was sie meinen?“, sagte er und zeigte mir zum Beweis seine Hände. Beide waren sie leer. Nichts war darauf zu erkennen, noch nicht einmal ein Kleks verwischte Farbe. Er schaute mich an und drehte sich dann von mir weg. Bevor ich reagieren konnte, stürmten bereits neue Passagiere in den Zug. Jetzt überlegte ich, ob ich wirklich dieses Eisenmonster verlassen sollte. Ohne weiter darüber nachzudenken, ergriff ich meine Tasche und ging zum Ausstieg. Ich trat die drei Stufen hinunter und setzte meine Füße nebeneinander auf dem Bahnsteig ab. Als ich mich umdrehte, schloss sich die Tür hinter mir. Ich hörte ein Pfeifen und blickte an den Anfang des Zuges. Eine Schaffnerin erhob ihre Kelle und Dampf stieg zwischen den Rädern des Zuges empor. Dann setzte sich das Ungetüm in Bewegung. Ich schaute ihm nach und sah in der letzten Fensterscheibe noch einmal die angsteinflößenden Augen aufblitzen.

Ich hatte den Zug noch in meinen Ohren und erinnerte mich, wie es sich anfühlte in ihm zu sitzen. Auf der Reise zu sein mit einem komischen Gefühl zwischen Magen und Kehle. Ich freute mich schon auf die Rückfahrt und spürte, wie es sein musste im Zug zurück nach Deutschland zu sitzen. Prag war jedoch für mich und andere Passagiere vorerst die Endstation. Der Punkt an dem wir uns entscheiden mussten. Entweder fürs Aussteigen und Bleiben oder für eine Rückfahrt ohne große Geschichte. Ich blieb. Zu lange hatte es gedauert um hier anzukommen. Zu oft stand ich in Berlin am Gleis und hatte überlegt, ob ich diese Fahrt machen sollte. Und auch wenn der Mann wie eine Warnung in meinem Kopf schwirrte, wollte ich nicht den Weg verlassen, den ich eingeschlagen hatte. Für den ich solange gebraucht hatte.

Ich griff meinen Koffer und Hunger machte sich im selben Moment in mir breit. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal etwas gegessen hatte. Als ich darüber nachdachte, krampfte mein Magen so stark, dass ich kurz inne halten musste und tief einatmete. Ich sah mich um, doch nichts war zu finden, was mir gefiel. Also machte ich mich auf den Weg den Bahnhof zu verlassen. Menschen strömten dabei an mir vorbei, der eine oder andere schubste mich. Sie eilten zu den Zügen oder kamen gerade an und schauten hektisch auf ihre Uhren. Es herrschte Unruhe, die mir nicht gefiel. Ich wollte hier weg. Also legte ich einen Schritt zu und es dauerte nicht lange bis ich frische Luft und etwas Grün erreichte. Mein Blick schweifte durch die Gegend. Etwas entfernt sah ich einen kleinen Laden mit drei Tischen davor. Lediglich eine Frau mit großem Schlapphut und einer Tasse Kaffee war als Gast auszumachen. Sie blätterte in einem Buch, doch schien sie es nicht wirklich zu lesen. Als ich das Lokal ansteuerte, blickte sie kurz auf. Ihre Augen waren jedoch verdeckt von einer fliegenartigen Brille. Ich musste an meine Mutter denken, die eine ähnliche getragen hatte, als ich noch klein war. Ich setzte mich an einen Tisch neben sie und nickte ihr freundlich zu. Ich konnte sehen, wie sich eine Augenbraue hinter der Brille hob. Dann wand sie sich ab und blätterte auf fast andächtige Weise in ihrem Buch. Ihre Haare waren lang und von einem intensiven Rot, wie ich es vorher nur bei Iren oder Skandinaviern gesehen hatte. Sie wellten sich und quollen unter ihrem Hut hervor. Sie wirkten fast wie ein Mantel, der sie bedeckte. Bevor ich mich weiter auf sie konzentrieren konnte, stand eine dickliche, etwas herunter gekommene Frau neben mir und schnaufte mich ungeduldig an. Sie hielt eine Karte in den Händen. Ihre Haare waren zu einem wirren Knoten gebunden und einzelnen Strähnen vielen ihr ins Gesicht.

„Du bist deutsch oder?“, fragte sie und ihr abfälliger Ton zog sich wie kleine Eisenstachel über meinen Rücken. Ich nickte nur. „Das sieht man sofort. Was willst du?“ Ich blickte kurz in die Karte und entschied mich für ein Brot mit Ei und einen Kaffee. Ich bemerkte wie mich die Frau mit Hut anstarrte. Diesmal ohne Brille. Ihre Augen waren von einem durchdringenden Grau und sie musterte mich. Sie bewegte ihren Blick von meinen Schuhen bis hoch zu meinem Gesicht, an dem sie dann hängen blieb und mir in die Augen schaute. Alles um mich herum wurde leicht verschwommen und ich nahm nur noch sie wahr. Sie öffnete den Mund und vergammelte Zähne wie Stümpfe erschienen in diesem sonst so makellosen Gesicht. Doch dieses Unheil war nicht mehr zu erkennen, als ihr ein Klang entfuhr, der durch die Luft in meine Richtung getragen wurde. Wie ein leises Flüstern, dass mich einlullte. Ich sah wie ihre Augen ganz sanft und groß wurden, wir ihre Haut leicht glühte und sie ihren Arm nach mir ausstreckte, kurz bevor sie mich mit ihrem Gesang, sofern man es so deuten konnte, in einen angenehmen Schlaf zu betten schien.

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Silvester – Das Fest, an dem die Couchen die Clubs erobern

Silvester – ein Tag der wahrscheinlich nicht nur mir egal ist. Aber: Wir werden alle irgendwas tun! Heißt? Raclette machen oder Alkohol trinken oder mit den Kindern auf Betten hüpfen oder tanzen gehen oder Raketen steigen lassen oder jemand Fremdes küssen. Die Vielzahl an Möglichkeiten der Feierei zu Silvester ist unerschöpflich. Warum das Ganze? Warum nicht einfach im Bett bleiben, Gremlins 1 und 2 schauen und durch ein selbst erwähltes „Fresskoma“ in einen tiefen Schlaf fallen und das vor 24 Uhr? Warum fühlt man sich gezwungen, wach zu bleiben. Dabei weiß ich jetzt schon, dass ich um drei Uhr morgens im Bett liege. Der Umgang mit Alkohol, Böllern und in der Kälte stehen, führt stets zu einem frühzeitigen Ausscheiden meinerseits.

Ein historischer Seitenblick

Aber schauen wir doch kurz auf das historische Silvester. Wir feiern das Ende des Jahres und das laut, besoffen und bloß nicht allein. Bereits die Römer sollen 153 v. Chr. die Jahreswende gefeiert haben. Damals noch am 1. März, aber wie sagt man so schön:

Feste soll man feiern, wie sie fallen.

Der Name Silvester selbst entstand erst 1582 (damals wurde das Jahresende vom 24. auf den 31. Dezember verlegt), als man sich auf den Todestag des Papstes Silvesters besann († 31. Dezember 335) und nun heißt es: Notte di San Silvestro, Réveillon de la Saint-Sylvestre, Sylwester oder Silvestrovské oslavy.

Gemeinsam wollen wir die bösen Geister vertreiben. Blöd nur, dass sich die bösen Geister in 2016 materialisiert haben und in menschlicher Gestalt ihr Unwesen treiben. Ähnlich wie bei den Gremlins wurden sie nach Mitternacht gefüttert oder mit Wasser bespritzt. Heißt für den Rest der Welt: die Jalousie nach oben zu ziehen und die Sonne rein zu lassen. Doch bevor es daran geht, sich ins neue Jahr zu stürzen und die trumpschen Dinge zu erwarten, wie sie kommen werden, gehen wir tanzen. Und mit wir, meine ich wirklich. WIR ALLE. Die Clubs werden überfüllt sein. Man wird Menschen sehen, die sonst nur zwischen Couch und Fernbedienung hin und her laufen. Aus einer soliden 40-jährigen wird eine quirlige 16-Jährige, aus einer gestanden Frau wird ein Mädchen, die an dem Typen an der Ecke hängen bleibt. Schlimm? Nein. Ich sehe es wie die alten Römer: Man sollte die Feste feiern, wie sie fallen.

Vorsätze zu Silvester

Aber, was wäre Silvester ohne Vorsätze. 20 Kilo weniger, nicht mehr so oft online sein, gesünder leben, bla bla bla. Wie viel halten wir davon ein? Eine vage Vermutung meinerseits: Nichts. Also, eine Empfehlung von mir, die vielleicht auch eure Umwelt positiv beeinflusst:

  1. Mindestens 5 Mal an Tag lachen und das auch über die plattesten Witze der Welt
  2. Nicht im Takt tanzen
  3. Eigene Meinung bilden
  4. Lieb sein

Einen guten Rutsch ins Jahr 2017 für Euch, hab gehört, dass es gut werden soll.

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Hundreds: weg vom SuperPopApproach

Der Artikel erschien in der November Ausgabe des 0381-Magazins von 2016

Die Geschwister Eva und Philipp Milner sind in Rostock kein unbekanntes Blatt. Es gehört zum guten Ton alle zwei Jahre auf die Konzerte von Hundreds zu gehen und den Hamburgern bei ihrer musikalischen Reise auf die Finger zu schauen. Am 4. November veröffentlichen sie nach ihrem Werk „Tame the Noise“ ihren neuen Longplayer „Wilderness“ und stoßen damit ihre Hörer weg aus dem „0815-Popschema“. Am 5. November treten sie zudem im Peter-Weiss-Haus in Rostock auf.

Ihr ward das letzte Mal 2014 in Rostock und habt Eure „Tame The Noise“ Tour gespielt. Was habt ihr seitdem getrieben?
Eva:
Im Frühjahr letzten Jahres bauten wir im Haus von Philipp ein eigenes Studio auf, dies liegt im Wendland (Niedersachsen) und dort sind wir direkt hin. Es ist kein Studio im klassischen Sinne, mit Wand und Glasscheibe, sondern einfach ein schöner großer Raum, in dem wir arbeiten und proben können. Letzten August verschickten wir dann erst die 500 „Tame the Noise“ Platten und fingen währenddessen an, die ersten Songs zu schreiben. War im Prinzip ein fließender Übergang. Wir überlegten, wo wir musikalisch hin wollten und beschlossen uns zu verändern und Kunst zu machen. Wir fingen mit massiven Beats an und Melodien, die wahrscheinlich nicht jedem so leicht ins Ohr gehen. Wir wollten unseren eigen Anspruch erfüllen und uns etwas trauen. Die klassischen Popstrukturen haben wir weggeschoben und Songs geschaffen, welche genau diese aufbrechen. „What Remains“ und „Wilderness“ stehen dafür ein.

Wer das Album das erste Mal hört und die Musik von Hundreds kennt, wird verwirrt sein. Doch ich kann versprechen im positiven Sinne. Catchy Melodien treffen auf die neue Wildheit und schlagen eine Brücke zu ihren leichtfüßigen Popsongs. Schocker wie „Unfolded“ lassen zunächst die Handschrift der Musiker nicht erkennen, doch packen einen sofort. Mit „Wilderness“ trifft die altgriechische Tragödie, welche im „Bearer and Dancer“ thematisiert wird, auf die philosophische Frage des menschlichen Handels. Hundreds erfinden sich neu und bleiben doch sie selbst.

Als Vorabteaser zu „Wilderness“ erschien im Mai der Song „What Remains“. Ich würde fast behaupten, er vereint das gesamte Album in sich?!
Eva:
Ja, doch das stimmt schon. Ich habe immer meine eigene Welt betextet und bin nun vom persönlichen zu anderen Themen gegangen. Somit kann man sagen, dass „What Remains“ das Album thematisch widerspiegelt. Es geht letztlich darum, welchen Weg die Menschheit beschreiten wird. Was passiert gerade? Was machen wir? Das habe ich versucht ein bisschen philosophisch zu verarbeiten. Und „What Remains“ ist der erste Gedanke, welcher das zum Ausdruck bringt.

2014 spielten die Geschwister in der Heiligen-Geist-Kirche in Rostock. Davor waren sie schon 2010 auf der Stubnitz (als sie noch im Stadthafen lag) und feierten ihre musikalischen Anfänge. Ihre Konzerte sind stets etwas Besonderes und werden durch visuellen Lichteffekte unterstützt, welche mit der Musik treiben und sie zugleich anschieben.

Am 5.11. tretet ihr im Peter-Weiss-Haus auf, warum nehmt ihr im Vergleich zu früher, eine doch eher „normale“ Location?
Eva:
Wir haben da schon mal gespielt und einfach an die vielen Menschen gedacht. Die Produktionsbedingungen sind auch ein bisschen größer mit Licht und Visuals und benötigen eine hohe Decke. Es soll zudem Clubatmosphäre herrschen, weil es insgesamt tanzbarer wird. Wer unser, ich sag mal, „Techno Set“ kennt, für den verändert sich aber nicht so viel. Wir haben natürlich ein paar neue Instrumente, Effekte und einen guten Lichtmann dabei, der die Show steuert, aber soviel ist nicht anders. „Tame the Noise“ war ein Akustik Set und hat besser in die Kirche gepasst. „Wilderness“ findet sein Platz nun im Peter-Weiss-Haus.

Hundreds, eine Band die musikalisch auf Anspruch und Tiefgang setzt und sich mit jedem Konzert neu definiert. Ihr Musik liegt aktuell irgendwo zwischen elektronischen Beats, skurrilen Effekten und poppigen Melodien. Eine Tanzempfehlung für jeden Liebhaber gepflegter Unterhaltungsabende.

Antje Benda

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Die Geschichte von Annabell im Park

Der Wind wehte kalt durch die Straßen der Stadt. Der November hatte Einzug gehalten und der Sommer war nur noch ein laues Lüftchen in den Gedanken der Menschen. An der Ostküste von Deutschland bedeutete das in der Regel viel Regen, wenig Sonne und feuchten kalten Wind. Unter diesen Bedingungen musste Annabell ihre Wohnung verlassen. Bewaffnet mit schwarzen Boots, einer Jeans, einem Dicken Pulli und Schall machte sie sich gemeinsam mit ihrem Hund auf in Richtung Park. Es war Nachmittag und die Straßen in dieser klein großen Stadt mäßig befahren. Was aber nicht bedeutete, dass Anna (Kurzform von Annabell) nicht trotzdem einen Fahrer anschrie, der sie fast angefahren hätte. Er war zu schnell gewesen, hatte telefoniert und beim Abbiegen nur auf seinen Weg geschaut. So hatte er Anna fast übersehen, die gerade noch zurück auf den Bordstein springen konnte. Es war zum Haare raufen, aber nun auch schon wieder fünf Minuten her und der Zorn verflogen. Annabell kickte einen Stein vor sich her, während sie mit Brutus durch die Wege des Park schlenderte. Der Wind wehte durch ihre braunen Locken und führte dazu, dass durch die Kälte ihre Nase etwas lief. Es ist schon merkwürdig dachte sie, hier an der Küste dauert der Sommer gefühlt 3 Tage und die restliche Zeit regnet es. Warum zum Geier war sie noch nicht nach Honolulu oder Tahiti ausgewandert. Warum schlenderte sie an einem kalten Nachmittag mit Brutus, den sie noch nicht mal wirklich mochte, durch den Park. Sie verzog das Gesicht und beäugte die kleine Fußhupe genauer.

Brutus war ein kontinentaler Zwergspaniel und zeichnete sich durch sein weißes Fell und die braunen Ohren aus. Ansonsten war er ziemlich klein und nervig. Annabell hatte das Tier von ihrer Mutter zum Studien Abschluss bekommen. Sie hatte Germanistik studiert und war klassisches Mittelfeld. Aber mehr brauchte man in dieser Gesellschaft auch nicht, wenn man einen Job will. Ein Stück Papier auf dem Stand: Bestanden. Der Rest war dann Charisma, die richtigen Kontakte und praktische Fähigkeiten. Sie dachte zurück wie ihre Mutter mit dem Hund vor ihr stand und sie anlächelte. „Alles Liebe meine Kleine. Ich bin so stolz auf dich. Als Geschenk bekommst du den kleinen Mann hier. Dann bist du nie allein. Er heißt Brutus.“ Es war ja lieb gemeint von ihrer Mutter, doch zu Brutus fehlten ihr eindeutig die lackierten überlangen Fingernägel in pink und eine Dauerwelle, die nach den 80er Jahren schrie. Schnaufend ging sie weiter und zog Brutus mit sich durch den Park. Er hatte irgendetwas im Gebüsch entdeckt und zerrte nun wie verrückt an seiner Leine. „Brutus, komm und lass den Scheiß. Hast du schon mal in den Himmel geschaut. Es fängt gleich an zu regnen.“ Annabell sprach mittlerweile mit ihm, wie mit einem Menschen. Er gehörte halt jetzt zu ihr, auch wenn das Äußere was anderes sagte. Irgendwann gab Brutus nach und lief wieder geradeaus. Annabell ließ die Leine locker und spazierte ihm nach. Sie liefen knapp eine Stunde, bevor Anna merkte, dass sie eine Pause brauchte. Ein Blick in den Himmel sagte ihr, dass sich die Wolken und somit der Regen verzogen hatten. In der Nähe stand eine Bank, welche mit Tags und Vogelkacke überzogen war. Sie fand jedoch eine Nische darauf, welche für sie und ihren Hintern gut geeignet schien. Sie setze sich nieder und kramte in ihrer hinteren Hosentasche. Hervor kam eine kleine Tasche mit Tabak, Filtern und Blättchen für Zigaretten. Es dauerte nicht lange und sie hatte sich eine Zigarette gedreht. Ihr Kumpel Paul hätte dazu gesagt „Deine sind immer so fluffig.“ Sie musste schmunzeln und zündete sich die Kippe an. Nahm einen Zug und lehnte sich zurück. Im ersten Moment der Entspannung kam Brutus auf sie zugeschossen und sprang an ihr auf. Ein sicheres Zeichen, dass er wild und allein durch die Gegend ströpern wollte. Annabell schaute sich um, ob in der Nähe ängstliche Mitmenschen waren und ließ Brutus schließlich von der Leine. Insgeheim konnte sie sich nicht vorstellen, dass es Menschen gab, die vor dieser Kreatur Angst hatten. Er war ja noch nicht mal so groß wie eine Barbiepuppe. Wem sollte er etwas tun. Annabell lehnte sich zurück und genoss für einen Moment die Nachmittagssonne, die durch die Wolken gebrochen war. Sie kitzelte warm über ihre Haut und brachte sie kurz zum Niesen. Naja, niesen war untertrieben, es war mehr ein inbrünstiges Aufschreien, dass die Vögel von den Bäumen vertrieb.

Annabell musste Schmunzeln und rieb sich die Nase. Im selben Moment hörte sie eine Stimme. „Mensch Anna. Ich hatte dich fast nicht bemerkt, wenn du nicht so genießt hättest. Gesundheit! Obwohl, laut neuem Knigge musst du dich ja entschuldigen. HiHi.“ Vor ihr stand Marianne. Marianne hatte lange Zeit mit Annabell zusammen studiert. War aber erfolgreichen und nerviger in dem was sie tat. Immer erste Reihe und immer ganz tief im Anus des entsprechenden Dozenten. Es war ein Graus. Und jetzt stand sie vor Annabell mit einem fetten Grinsen und einem „Hihi“ im Gesicht. „Ja, eh Entschuldigung!“, räusperte sich Annabell und setzte sich gerade auf die Bank. Sie schaute Marianne an. Wie perfekt sie aussah, groß und schlank. „Na, was treibst du hier so? Ich für meinen Teil bin gerade joggen, um die überflüssigen Pfunde abzutrainieren. Du weißt ja, bald ist Weihnachten und am Ende möchte man ja nicht selbst die gemästete Gans sein.“ Annabell verdrehte die Augen. Sie musste daran denken, was sie heute getan hatte. Aufgestanden und Frühstück gegessen. Kurz in die Stadt mit Paul auf einen Kaffee. Mittag gegessen mit einem Geschäftskontakt. Kleines Nickerchen und jetzt hier mit Brutus. Wenn sie jetzt noch anfangen sollte jeden Tag joggen zu gehen, dann hätte sie keine ruhige Minute mehr für sich. Und so ein bisschen sexuelle Schwungmaße ist auch kein Weltuntergang. Sie schaute Marianne an und sagte: „Ich bin gerade mit Brutus unterwegs. Er brauch ja so seinen Auslauf.“ Marianne nickte und schaute von links nach rechts. „Sag mal hast du das von Conny schon gehört? Eigentlich tratsche ich ja nicht, aber das kann ich einfach nicht für mich behalten.“ Annabell schaute sie an und grübelte. Konnte Marianne sich nicht erinnern, dass Conny eine ihrer besten Freundinnen war und sie schon durch Feuer und Dosenbier gewartet sind. Will sie ihr jetzt wirklich irgend einen Scheiß erzählen, den sie wenn dann schon kennt oder spätestens in den nächsten Stunden erfährt. Gesetz dem Fall es ist wirklich wichtig. Annabell holte Luft und wollte gerade Marianne erklären, dass es sie nicht interessierte, als ihr Handy klingelte. Marianne ging ran. „Ja her Professor Müller?!“ Ihre Stimme wurde ganz säuselich und sie begann dem Professor verbal in den Arsch zu kriechen. Annabell schaute sie an und fragte sich, ob es für so was ein extra Gleitmittel gab oder ob sich der Schließmuskel des Professors ganz von alleine öffnen konnte und sich auf Weite brachte, wenn geifernde Doktoranden (Ja, Marianne war Doktorandin.) sich nähernden. Es war einfach Zuviel. Sie drückte den Rest ihrer Kippe unter ihren schwarzen Stiefeln aus und stand auf. Hob noch die Hand zum Abschied und ging dann los. Marianne schaute ihr verwirrt hinterher. Annabell zeigte auf ihre nicht existierende Uhr, drehte sich um und ging tiefer in den Park hinein.

Erst Minuten später viel ihr ein, dass sie Brutus vergessen hatte. Sie wollte sich gerade umdrehen, als ein Scharren neben ihr zu hören war. Sie schaute nach links und sah, dass sich das Laub neben ihr bewegte. Ein fast Kniehoher Berg aus zusammengetragenen rotbraunen Blättern bewegte sich und machte Geräusche wie eine hustende Katze. Annabell ahnte schon was oder besser wer das war. Unter dem Berg von Blättern befand sich Brutus, der mit einer toten Maus spielte. Wie widerlich. Annabell suchte einen Stock und versuchte mit diesem Brutus die Maus zu entreißen, doch der kleine Giftzwerg wehrte sich vehement. „Lass los. Ich habe keine Lust dir dieses Ding mit den Fingern zu entreißen.“ Ein Kampf zwischen David und Goliath entbrannte und auch hier sollte Goliath den Kürzeren ziehen. Brutus ließ kurz die Maus fallen. Biss mit Leibeskraft in den Stock und entwickelte Kräfte die einem Elefanten gleich kamen. Fast sah diese kleine Ratte wie ein ausgewachsener Kampfhund aus. Der Stock wurde Annabell aus den Händen gerissen und sie blieb erstaunt stehen. Dann nahm Brutus die Maus wieder ins Maul und flitze davon. Verdattert blieb die junge Frau zurück und wunderte sich über diesen kleinen Kampfzwerg. Es waren wohl nur einige Sekunden bis Annabell aus ihrer Schockstarre wieder erwachte und die Verfolgung aufnahm. Sie lief den Weg zurück, den sie gekommen waren. Brutus hatte zwar ein paar Schlenker gemacht, aber war auf dem gleichen Weg zurück gerannt. Anna konnte dies sehen, weil die Fläche eben war und nur kleine Hügelchen ihr ab und an die Sicht versperrten. Kurz bevor sie an der Bank ankam, an welcher sie sich mit Marianne unterhalten hatte, blieb sie stehen. Ihre Augen wurden ganz groß und wären fast aus den Höhlen getreten. Marianne stand hüpfend vor der Bank und an ihrem Bein hing Brutus. Annabell musste sich das Lachen verkneifen, denn ihr kleiner Spaniel verwechselte Mariannes Bein gerade mit einem liebestollen Gegenstück. Quickend rieb er sich an ihrem Bein. Sie schrie und versuchte durch Schütteln, das Untier von sich zu weisen. Ähnlich mussten sich das ein um das andere ihre Dozenten gefühlt haben. Vielleicht war diese Situation ganz lehrreich, dachte Annabell während sie amüsiert der Szenerie ihre Aufmerksamkeit schenkte. Irgendwann hatte sie Mitleid und eilte auf die Beiden zu. „Brutus aus. Was machst du denn da?“ Sie packte ihn und legte ihm die Leine an. „Was ist denn mit diesem Vieh los. Hast du den nicht erzogen oder warum verwechselt er mein Bein mit einem Pfiffi?!“ Wütend starrte Marianne Annabell an und wischte sich die Stelle am Bein, die Brutus zuvor mit Hingabe penetriert hatte. Annabell schmunzelte, „Er weiß es halt nicht besser. Es tut mir leid. Du, ich muss dann auch weiter. Habe noch einen Termin.“ Mit dem Hund unterm Arm verschwand Annabell im Stechschritt und ließ Marianne stehen.

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Die Geschichte von Tilly und dem gelben Esel

„Nein“, brüllt sie. „Nein, das ziept in meinen Haaren!“, brüllt sie noch lauter und zappelt auf dem Schoß ihrer Mutter herum. Tilly ist fünf Jahre alt, hat kleine braune Locken und grüne Augen, die vor Wut funkeln. Frisch gewaschen, sitzt sie in ihrem blauen Schlafanzug mit den Wolken drauf auf ihrem Bett und erträgt wie ihre Mutter ihr die nassen Haare versucht zu kämmen. „Nein, ich will das nicht.“ Ihre Mutter stöhnt auf, verdreht die Augen und erwidert „Tilly, du kleiner Satansbraten, halt bitte still. Wir müssen deine Haare nach dem waschen kämen, sonst verfilzen sie und wir müssen sie abschneiden.“ Bockig verschränkt Tilly die Arme vor ihrer Brust und zieht eine Schnutte. Eine ganze Minute hält sie schnaubend still, bevor sie von dem Schoß ihrer Mutter aufspringt und durch ihr Zimmer rennt. „Mama, können wir jetzt noch spielen?“ „Nein, Tilly. Du darfst noch eine Märchen hören oder Buch lesen. Aber wir rennen jetzt nicht mehr durch die Wohnung.“ Mit diesen Worten steht Tillys Mutter vom Bett auf und geht Richtung Fenster. Draußen ist es noch hell, weil der Sommer gerade erst richtig begonnen hat, doch als fünf Jährige muss man trotzdem um acht ins Bett. Das stinkt Tilly gewaltig. Sie freut sich schon darauf endlich groß zu sein und dann auch abends noch durchs Haus laufen zu dürfen. Während sie an die glorreichen Tage in nahender Zukunft denkt, zieht ihre Mutter mit einem „Ratsch“ die Gardinen zu, dreht sich um und schnappt sich mit einer nichts ahnenden Bewegung das kleine Mädchen. Im nächsten Moment liegt sie unter der Decke und ihre Mutter schaut sie fragend an. „Was möchtest du?“ Tilly verzieht das Gesicht. „Ganz ehrlich?“ „Ja ganz ehrlich!“, wiederholt ihre Mutter schmunzelnd. „Ich möchte noch nichts ins Bett, sondern mit Papa und dir spielen. Wie wär es mit Fußball?“ Tillys Mama lächelt, schüttelt den Kopf und stellt eine Gutenachtgeschichte an. „Aber ich bin doch gar nicht müde.“ Tillys Mama ignoriert das, gibt ihr einen Kuss auf die Stirn und sagt: „Das kommt schon noch und jetzt hör auf so eine Schnutte zu ziehen, damit kriegst du Papa vielleicht rum, aber mich bestimmt nicht.“ Tilly grummelt noch etwas, sagt dann aber gute Nacht und dreht sich mit dem Gesicht zur Wand.

Ihre Mama hat ihr die Geschichte vom gelben Esel angemacht. Der gelbe Esel ist tolpatschich und immer fröhlich. Während Tilly über seine Abenteuer nachdenkt, fallen ihr auch schon die kleinen Augen zu. Nach ein paar Minuten fängt ihre Nase an zu jucken. Sie wischt leicht rüber, etwas verwirrt ohne jedoch die Augen auf zuschlagen. Plötzlich huscht erneut etwas über ihre Nase, nun schlägt Tilly ihre Augen auf und fällt fast aus ihrem Bett. Vor ihr steht der gelbe Esel. Er grinst breit auf sie herab. „Hallo Tilly“, sagt er freudig und stupst sie mit seinem linken vorderen Fuß an. „Mein Name ist Jerome.“ Etwas verstört und mit sausligem Haar setzt sich Tilly auf und schaut den gelben Esel Jereome an. Leicht legt sie ihren Kopf schief und schaut auf seinen Gesicht, sofern man es so bezeichnen möchte, sein Fell und seine Hufe. Plötzlich blitzen ihre Augen auf. „Sage mal, wieso bist du eigentlich gelb?“ Der Esel schaut sie etwas verduzt an, räuspert sich amüsiert und antwortet: „Ich dachte du stellst eher solche Fragen, wie: Wieso kannst du reden? Was machst du in meinem Zimmer oder Verdammt, wieso ist dein Fell so samtig weich? Aber hey, jeder hat so seine eigenen Gedanken.“ „Ähm“, ist alles was Tilly erwiedern kann. „Ich bin als kleiner Dicker Esel in einen Zaubertopf gefallen, nein ich weiß falsche Gesichte. Kennst du den Ort wo Seifenblasen niemals platzen, bunte Knete an Bäumen wächst und Bauklötzer Beine haben.“ Tilly schüttelt, immer noch etwas irritiert, den Kopf. Der Esel schmunzelt, beugt sich zu ihrem Ohr und sagt: „Das ist der Ort, wo sie mich gelb angemalt, mir eine Stimme gegeben und mein Fell nach dem Waschen immer gekämmt haben.“ Tilly zieht ihren Oberkörper zurück, verschrenkt ihre Arme vor der Brust und zieht eine Augenbraue hoch. „Willst du mir jetzt etwa erzählen, dass ich mir die Haare nach dem Waschen kämmen soll?“ „Na, fass doch mein Fell an!“, sagt der Esel und tritt dabei einen Schritt vom Bett zurück. Erst zögert das kleine Mädchen, strickt dann jedoch ihren Arm aus und greift nach dem Esel. Der Abstand zwischen ihr und Jerome ist jedoch zu groß und so fällt sie mit einem Knall auf den Boden. In diesem Moment springt ihre Zimmertür auf und ihre Mutter steht vor ihr. „Was ist passiert?“ Verschlafen reibt Tilly sich die Augen und faselt verwirrt „Jerome, Haare … so weich.“ Danach fallen ihre Augen zu. Ihre Mutter hebt sie auf und legt sie zurück ins Bett. Ein leichtes Grunzen kommt noch aus dem kleinen Mädchen, bevor sie wieder anfängt zu träumen. Zu träumen von Jerome, dem gelben Esel.

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ZierArt: Kunstkollektiv, Leben und Aufgabe

René Zynda ist Anfang 30 und hat seinen Weg gefunden. Gefunden über eine Metalldose die durch Treibgas Farbe an Wände bringen kann und so eine andere Art von neuen und vergänglichen Hieroglyphen hinterlässt. Zerstäuber von Gedanken eines jungen Künstlers in Rostock, der seinen Weg selbständig und Facettenreich gehen möchte und dies im Kollektiv ZierArt.

1998 war nicht nur das Jahr in dem der Bundestag den Lauschangriff genehmigte, Hybrid Theory (heute bekannt unter Linkin Park) gegründet wurde, sondern auch die Geburtsstunde der kreativen Schaffenskraft von René Zynda aka Zetti auf dem Plan stand. Damals nahm er das erste Mal eine Sprühdose in die Hand und verfasste ein Graffiti mit herausragender Ausdruckskraft. Der schlichte Schriftzug SOCO sollte sein und das Leben von uns allen dauerhaft verändern.

Seine Leidenschaft wurde gepackt und führte ihn zu unzähligen Projekten mit Graffiti und Airbrush.

„Ich habe angefangen rumzukritzeln um mich an Wänden mit Farbe auszuprobieren“,

sinnierte René fröhlich, während er an die Zeit zurück denkt, als er 2002 sein Projekt ZierArt gründete. Wie sein erstes Werk damals aussah, wird den meisten von uns auf ewig verwehrt bleiben, über seine Kunst heute kann man folgendes sagen: Bilder die graue Wände verdecken, den Skater der 90er aus unserem Inneren herauf beschwören und gleichzeitig uns mit der Kogge in alte Hansezeiten von Rostock katapultieren.

Profil@Ren+®-Zynda„Ich verzichte halt größtenteils auf Cuttings und mache meine Effekte und Highlights lieber mit Airbrush“, sagt er selbst über die Schattierungen seiner Arbeit. Sein Stil ist eigen und wirkt auf mich düster, trotzdem belebend und frisch. Ein Sprung zwischen den Emotionen und farblichen Welten, welche unser Geist aufnehmen kann. Früh schien ihm bewusst, dass ihn sein Weg in die Farben des Regenbogens und die Wände unserer Stadt tragen würden. Der in Rostock und Ribnitz aufgewachsene Zetti entschloss 2006 endgültig in unsere Hansestadt zu ziehen und sein Kunstprojekt ZierArt weiter nach vorne zu treiben. Mittlerweile schreibt es mehr als 15 Lenze, bringt Logos auf Wände, arbeitet Wohnmobile auf oder schafft mit anderen Künstlern neue Welten, kurz es ist zu einem Kollektiv heran gewachsen.

“Ich habe viel alleine gemacht, aber in den letzten Jahren auch mehr mit anderen. Das Spektrum ist dadurch angewachsen und man kann mehr ausprobieren und anbieten.“

Eine Tatsache die Zetti das Leben leichter macht und er so neue Wege gehen kann. Eine von seinen Mitstreitern ist Valeria Reinders oder sinnlich Valevio genannt, welche zwar nicht aus unserer schönen Stadt kommt, aber mit Zetti eine großartige Symbiose schafft. Ihr letztes gemeinsames Werk findet man in der Frieda 23 im Flur, der die Stockwerke vom Institut für neue Medien mit der Kunstschule und Radio LOHRO verbindet und das nicht ohne Grund. Vor etwa drei Jahren hat sich Zetti entschlossen, sich und sein Projekt zu professionalisieren und mehr Facetten in seine Arbeit aufzunehmen. Eine größere Vielfalt an den Tag zu legen und die kalten Wintermonate lieber mit Flyergestaltung zu überbrücken, ein Plakat zu gestalten oder in einer Textildruckerei seine Fähigkeiten an den Tag zu legen. Doch wie es unserer schönen bürokratischen Welt ist, ist es meist einfacher das Ganze über einen schulischen Weg zu erlernen und am Ende ein kleines Stück Papier in Händen zu halten, welches uns mehr Sicherheit gibt. In seinem Fall ausgestellt von der IHK Rostock vermutlich am 31. August 2016 mit dem großartigen Titel: „Herr Mediengestalter René Zynda“.

workshop@Ren+®-ZyndaDem Kopf hinter ZierArt ist mehr als bewusst, dass ein Leben in der Kunstszene nicht einfach ist. Als Wandgestalter sind die Sommermonate meist voll von Arbeit und der Winter so wie das Wetter selbst: trist und kalt. Doch keine Sorge um den jungen Mann, schon seit einiger Zeit ist in seinen Hirnwindungen klar nachzulesen, dass er flexibel sein muss, nicht mehr so weit nach vorne schaut und seine Gedanken nicht allzu lang um das Schlechte kreisen lassen sollte. Es gibt für ihn immer Arbeit, ob als Wandgestalter im Juli oder digitaler Effektehascher im Dezember. Neben dem ständigen eigenen lernen und ausprobieren, ist es ihm eine Freude, wenn er zusammen mit Kindern und Jugendlichen Wände gestalten kann. Ihnen zeigt, wie man eine Sprühdose halten muss und sein erstes eigenes Graffiti an die Mauer sprayen kann. In den Sommerferien soll es wieder soweit sein und er wird gemeinsam mit Valeria einen Workshop im Jugendclub Pablo Neruda (SBZ Toitenwinkel) anleiten und mit den Kids vor Ort dem Jugendclub frisches Leben einhauchen. Bevor es jedoch soweit ist, heißt es dem Sprühdosenmann Zetti für seine Prüfungen und sein Praktikum die Daumen zu drücken und ehrenvollen Applaus zu spenden, wenn er seinen Abschluss hat. Danach soll es weiter gehen: die Homepage von ZierArt – Kollektiv MV wird aufgemöbelt, neue Aufträge werden angenommen und die Fassaden unserer Stadt wieder etwas bunter gestaltet.

Wer solange nicht warten will, setzt sich ins Treppenhaus der Frieda 23 und schaut sich den dicken Wal von ZierArt an. Im Idealfall mit passender Musik von Bristol mit dem Song „Mad about You“. In meinen Gedanken gibt es keinen Pinselstrich ohne die richtige Note. 

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Radio LOHRO: PRO Mensch

Erschienen auf http://www.lohro.de am 10. November 2015

Der 14. November 2015 – Tag der Demonstrationen in Rostock: Für und gegen Flüchtlinge. Wir haben uns mal die Zeit genommen und spielen am Samstag fünf Stunden Musik zum Thema „Pro Flüchtling – Pro Menschlichkeit – Gegen Fremdenfeindlichkeit“. Ab 16 Uhr geht es los. Hier unsere Gedanken zu dem Thema.

von Antje Benda

„Deutschland den Deutschen“, „Die wollen doch alle nur unser Geld“ oder „Die ganzen jungen Männer die kommen, werden uns vergewaltigen.“ Sprüche, die ich beim Durchforsten des World Wide Web tatsächlich häufiger hören und lesen musste. Flüchtlinge werden als Kriminelle gesehen, als Straftäter oder einfach als das potentielle Böse. Dabei scheint es schon lange keine Rolle mehr zu spielen, ob es sich um Wirtschafts- oder Kriegsflüchtlinge handelt. Der Kamm der Gesellschaft wurde heraus geholt und wütet ohne Rücksicht. Menschen auf der Flucht werden in den Augen der Ängstlichen fast als Heuschreckenplage empfunden, welche über unser Land herfallen und unsere „Schätze“ räubern. Ein umher wabern von menschenverachtenden Worten und gefährlichem Halbwissen. Noch mit gesenkten Köpfen, noch zum Teil versteckt in Facebook Gruppen oder kleinen Zusammenschlüssen, doch die Geschichte lehrt uns, dass dies ein Anfang sein kann.

Aktuell versucht eine Vielzahl von Menschen Deutschland zu erreichen, aus unterschiedlichsten Gründen sicherlich, aber meist ist einer immer der Gleiche, sie kommen um ein besseres Leben zu führen. Kann man ihnen dies verwehren? Ihnen das Asyl absprechen? Die Politik und Vorbereitung zum Thema Flüchtlinge im Vorfeld war nicht die Beste und führte zu einem unkontrollierten Einstrom. Aktuell kann wenig geändert werden und so sollte man das Beste aus der Situation machen und zu einem Ganzen werden. Einige sehen dies anders und fordern den Stopp des Flüchtlingsstroms nach Deutschland. Aussagen, wie unser Asylrecht würde von zu vielen missbraucht werden, hört man bedrückender Weise immer häufiger. Ein Themenkomplex, den sich die rechte Bürgerinitiative „Deutschland wehrt sich“ auch am 14. November auf die Fahnen geschrieben hat. Sie wollen auf dem Konrad Adenauer Platz am Hauptbahnhof gegen den Missbrauch demonstrieren. Doch eine Frage die ich mir schon länger stelle, ist: Was ist denn eigentlich Asylmissbrauch? Kurz und ziemlich allgemein gefasst, genießen nach Artikel 16a des Grundgesetzes (GG) der Bundesrepublik Deutschland politisch Verfolgte Asyl. Das Asylrecht dient dem Schutz der Menschenwürde in einem umfassenderen Sinne. (Quelle: bamf) Karamba Diaby beschreibt zudem in der Zeit vom 10. August 2015 in „Asylmissbrauch gibt es nicht“ den Missbrauch des Gesetzes schlicht als nichtig.

Der Begriff „Asylmissbrauch“ geht aber noch aus einem anderen Grund fehl: Jeder Mensch hat ein Recht darauf, einen Antrag auf Asyl zu stellen, und darauf, dass sein Antrag geprüft wird. Die Bewilligung von Asyl erfolgt nach klaren Rechtsvorschriften. Erfüllt ein Mensch diese Richtlinien, erhält er oder sie ein Aufenthaltsrecht. Erfüllt ein Mensch die Kriterien nicht, so erhält er oder sie kein Asyl. Und kann es auch logischerweise nicht missbrauchen. Kurzum: Der Begriff des Asylmissbrauchs ist absurd. Schließlich werfen wir Studierenden ja auch nicht vor, „BAföG-Missbrauch“ zu betreiben, wenn sie unberechtigterweise einen BAföG-Antrag stellen.

Gegen was wird also am 14. November 2015 in Rostock demonstriert, wenn ein Missbrauch gar nicht zur Debatte steht? Schauen wir kurz auf die Seite von „Deutschland wehrt sich“. 6741 Follower auf Facebook (Stand: 10.11.2015), die sich als patriotisch und klar denkend bezeichnen. Kommentare wie: „Wir Europäer müssen uns nicht noch zusätzlich gewalttätige Arschlöcher und Kriminelle aus dem Ausland importieren.“ unterstreichen all zu schnell meine bereits bestehende Meinung. Das einzige positive daran ist wohl, dass sie sich schon mal als Europäer sehen. Ob dies die Sache besser macht, sei dahin gestellt. Letztlich werden am 14. November u.a. drei Gruppen in Rostock ebenfalls auf die Straße gehen und gegen „Deutschland wehrt sich“ demonstrieren.„Rostock hilft!“, „Rostock Nazifrei“ und die „Rostocker Gutrocker“. Sie zeigen sich solidarisch mit Geflüchteten und gegen Hetze.

Wir haben uns dies zum Vorbild genommen und geschaut was musikalisch in unserer Umwelt „Pro Flüchtling – Pro Menschlichkeit – Gegen Fremdenfeindlichkeit“ so abläuft. Abgebildet wird die Musik entsprechend in unserem Programm am 14. November von 16 bis 21 Uhr. Pro Mensch soll es heißen. Und welche Musik soll es geben? Hier eine kleine Auswahl:

Die Toten Hosen „Sascha … ein aufrechter Deutscher“

Die Toten Hosen schon immer in der Punk Szene unterwegs, verstehen sich als Verfechter von Menschenrechten und nutzen ihre Popularität um Dinge in Deutschland zu ändern. Sascha erschien 1992 als Spotlied. Ein Resultat der Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen als Protest gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus.

Herbert Grönemeyer „Die Härte“

Als Musiker, der sich stark mit seinen Texten im privaten und emotionalen aufhält, schaffte er ebenfalls häufig politische Lieder. Die Härte stammt von der 1993 erschienen scheibe Chaos und versteht sich als Anti Nazi Song.

Antilopen Gang „Beate Zschäpe hört U2″

Deutscher Hip Hop trifft auf die Banalität des Seins. Die perfekte Beschreibung des Songs. Vom Verlust der Individualität, in der Musik nichts mehr über den Hörer aussagt und die Mode nichts mehr über ihren Träger. Vom Alltäglichen rechter Gedanken.

Des weiteren: The Beatles, Die Ärzte, Feine Sahne Fischfilet, Antispielismus, Dead Kennedys, Ian Brown etc.

Zusammengefasst:
Pro Mensch
Musik: „Pro Flüchtling – Pro Menschlichkeit – Gegen Fremdenfeindlichkeit“
14. November – 16 bis 21 Uhr

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Fragen in die Runde …

Es ist Samstag und ich habe eine Woche hinter mir, die mich müde gemacht hat. Um 4 Uhr morgens aufstehen und 23 Uhr abends wieder ins Bett, ist anstrengender als ich gedacht hätte. Aber es war selbst gewählt. Kein Problem, das ein Recht zum Jammern gibt. Der Vorteil an der Woche ist aber, dass irgendwann der Moment kam, an dem ich komplett ruhig wurde. Total entspannt. Was dazu führte, dass ich in meinen Augen bewusster oder anders über meine Umgebung nachdachte.

Stellt Euch also einfach vor, wie ich zum Beispiel auf dem Doberaner Platz in Rostock stehe und mich ganz langsam im Kreis drehe. Ganz langsam, dann schneller werdend. Die Welt verschwimmt um mich herum und ich verliere langsam mein Gleichgewicht und dann stoppe ich. Ein Wanken geht durch meinen Körper. Ich schaue nach vorn und sehe ein Stück Welt, wie sie ist.

Ich habe Menschen gesehen, natürlich wie sollte es auch anders sein. Die vorwiegend müde wirken. Weil Sie zu viel arbeiten? Weil Sie das bisschen Zeit, das sie haben mit Freunden und Familie verbringen und dadurch wenig Schlaf kriegen? Weil sie Eule und nicht Lerche sind?

Ich sehe Menschen, die kaum noch lächeln. Weil Sie mit Ihrem täglichen Leben im unreinen sind oder eigentlich woanders sein wollen?

Ich sehe die Kultur in unserer Stadt, die am „abnippeln“ ist. Aber wieso? Aufgrund von fehlenden Geldern, mangeldes Engagement oder weil die breite Masse kein Interesse hat, sich dieser zu widmen?

Ich sehe Sonne und Kinder, die das erste Mal eine Schultüte in der Hand halten. Für Sie beginnt das aufregende Leben der Erwachsenen. Werden Sie in 15 Jahren immer noch so toll über das Erwachsensein denken?

Ich sehe Menschen, die in unsere Stadt kommen und Nichts haben, aber nur von wenigen die Hand gereicht bekommen. Es werden Bilder gepostet, man soll helfen. Es werden Texte geschrieben und Kleider gespendet. Doch wer dreht sich zu Ihnen, lächelt Sie an und sagt „Hallo, schön dich kennen zu lernen.“ ?

Ich sehe einen Mann, der vor dem Döner an der Ecke steht. Seine Haut ist dunkel von der Sonne, seine Haare zerzaust, seine Nägel dreckig und er trägt mehrere Lagen Klamotten. Wieso denke ich gleich was Negatives? Vor was fürchte ich mich?

Ich drehe mich weiter und sehe Nichts … nur etwas Ruhe. Dann lass ich mich fallen auf eine Bank, welche kurz hinter mir steht. Lehne mich zurück, atme kurz durch und überlege. Dann höre ich ein Klingeln, die Straßenbahn hält am Platz. Die Türen öffnen sich und neue Menschen durchfluten meine Welt.